Eine Eigenschaft (oder auch die Art und Weise einer Handlung) kann betont werden durch das Hinzufügen der lexikalisierten Gebärde ‚WIRKLICH‘.

Damit wird ausgedrückt, dass die Eigenschaft bei einer Referent:in/einem Referenten stärker ausgeprägt ist als bei einer anderen/einem anderen:

a)
BUB   IX(links)   FRECH   IX(li)   II   MÄDCHEN   IX(re)   WIRKLICH   FRECH   IX(re)  II   00:43-00:48
‚Der Junge ist frech, aber das Mädchen ist noch viel frecher.‘

 

b)
MANN   IX(li)   WIRKLICH   ARBEITEN(nmk:viel/hart)   II    00:54-00:57
‚Der Mann arbeitet wirklich unglaublich viel.‘

In diesem Beispiel erfolgt ein impliziter Vergleich an einer angenommenen Norm für „normales“ Arbeiten.

 

Durch die Verbindung einer Gebärde für eine Eigenschaft (‚schnell‘, ‚langsam‘, ‚gross‘, ‚klein‘, ‚klug‘ usw.) mit der Gebärde ‚BESTE‘ wird ihre maximale Ausprägung ausgedrückt.

Die Gebärde ‚BESTE‘ kann vor (a) oder nach der Gebärde (b) für die Eigenschaft stehen:

(a)
IX-1(ICH)   BÄCKER(mb:bäckerei)   IX-1(ICH)   HINGEHEN   I   FEIN   KUCHEN   IX+++(links-rechts)   II
IX(li)    MEHR   FEIN   ALS   IX(mitte)   IX(re)   BESTE   FEIN   IX(bestimmt, re)   II   00:35-00:47
‚In der Auslage der Bäckerei sehe ich viele leckere Kuchen. Der Kuchen links scheint mir feiner als der in der Mitte. Aber am feinsten scheint mit der Kuchen ganz rechts.‘

 

(b)
KUCHEN   IX(bestimmt, re)   FEIN   BESTE   IX(bestimmt, re)  II   00:49-00:51
‚Dieser ist der feinste Kuchen.‘

Unterschiedliche Eigenschaften (‚gross‘, ‚lieb‘,‘ rot‘, usw.) von Referent:innen können in ihrer neutralen Form (im Deutschen ‚Positiv‘) miteinander oder bezüglich ihrer Ausprägung (im Deutschen ‚Komparativ, ‚mehr als‘, ‚weniger als‘) verglichen werden. Das Maximum der Ausprägung einer Eigenschaft (im Deutschen ‚Superlativ‘) kann durch unterschiedliche lexikalisierte Gebärden ausgedrückt werden.

Auch Brüche ( ½ , ¾ ) können miteinander verglichen werden
( ‚ ⅓ mehr als … .‘ ‚ ¼ weniger … .‘).

Wie und auf welcher räumlichen Ebene der Vergleich (höher, breiter …) in Gebärdensprache visualisiert wird, ist kontextabhängig. Dazu ein Beispiel:

(a)
IX(mitte)   STRASSE(breit)   1/3   PROD-BREIT(ganz3/3) > 1/3“weniger“   II   00:27-00:31
‚Diese Strasse ist ⅓ weniger breit.‘

Zunächst wird die Gesamtbreite der Strasse als Referenz angegeben . Danach rückt die aktive Hand um ⅓ in Richtung passive Hand, so dass die verbleibenden  ⅔  sichtbar werden. Ohne diese zusätzliche Visualisierung wäre die Aussage nicht eindeutig.

Prozentangaben können ebenfalls miteinander verglichen werden (‚20% mehr als … .‘, 30% weniger als … .‘). Die lexikalisierte Gebärde ‚PROZENT‘ kann ein- oder zweihändig ausgeführt werden:
(a) ‚PROZENT‘   00:11-00:12

Die Prozentangaben können sich auf unterschiedliche Grössen beziehen (Fläche, Menge, Gewicht, Tiefe etc.) und grafisch unterschiedlich dargestellt werden (Kuchen-, Säulendiagramm).

 

Dazu ein mögliches Beispiel:

(b)
POSS-1(MEIN)   PARTNER(mb:mann)   IX(re)   100   PROZENT   VERDIENEN   I   IX-1(ICH)   20   PROZENT   MEHR   ALS   IX(re)   II   00:48-00:55
‚Mein Mann verdient 100%, ich verdiene 20% mehr als er.‘

Im Alltagskontext ist diese Formulierung möglich. Sollen Beträge/Prozentangaben aber präziser dargestellt und miteinander verglichen werden (Verhältnis), so wird in Gebärdensprache die Grösse des ersten Betrags als Referenz für die weiteren Beträge festgelegt. D.h. die weiteren Beträge werden entsprechend kleiner oder grösser als ihre Referenz dargestellt, wie folgendes Beispiel zeigt:

 

(c)
IX-1(ICH)   100   PROZENT   IX-1(ICH)  BEKOMMEN  
NDH:             PROD-MASS(menge) —————–>
DH:                20   PROZENT         PROD-MASS(menge)-DAVON   MUSS   ZURÜCK   (ich)BEZAHLEN(rechts)   FÜR   ETWAS….  II   01:04-00:13
‚Ich bekomme 100%. Davon muss ich 20% zurückbezahlen für … .‘

Die passive Hand, welche für die erste Prozentangabe steht (100%), wird als Referenz für die zweite Prozentangabe (20%) gehalten. Die aktive Hand liegt innerhalb der passiven. Dies und die folgende Bewegung drücken aus, dass die 20% von den 100% abgezogen werden. Kommen 20% zu den 100% dazu, wird dies wie folgt gebärdet:

Welche Handform benutzt wird, um den Vergleich/das Verhältnis zu visualisieren, ist kontextabhängig.

 

Anstelle von ‚ZWEI-MAL-MEHR‘ beziehungsweise ‚ZWEI-MAL-WENIGER‘ können die lexikalisierten Gebärden ‚DOPPELT‘ beziehungsweise ‚HÄLFTE‘ benutzt werden. Dazu ein Beispiel:

(a) FIRMA(rechts)   FIRMA(links)   IX(li)   DOPPELT   AUFTRAG++   BEKOMMEN   IX(re)   HALB(mb:hälfte)   AUFTRAG++   WENIG   II
00:26-00:32
‘Die eine Firma erhält doppelt so viele Aufträge wie die andere. (Die andere wenige, nur halb so viele).’

Das konkrete Vielfache kann in die lexikalisierte Gebärde ‚X-FACH’ inkorporiert werden, so dass die Gebärde ‚MAL‘ weggelassen werden kann.

Um die doppelte Anzahl auszudrücken, gibt es folgende zwei Möglichkeiten, die Zahl zwei zu inkorporieren:

‚ZWEI-FACH‘             ‚DOPPELT‘

Weitere Vielfache werden wie folgt gebärdet:

(a) DREI-FACH, VIER-FACH, FÜNF-FACH   00:32-00:36

Ob das Vielfache mit ‘X-FACH’ oder mit ‘X-MAL-MEHR_ALS’ umgesetzt wird, ist kontextabhängig. Beide Möglichkeiten können zwar für die gleiche Aussage benutzt werden. Die Gebärde ‘X-FACH’ wird jedoch eher im Kontext Bildung und Arbeit benutzt (Bereich Zahlen, Berechnungen/Mathematik) (c), die Gebärde ‘MAL’ (‘X-MAL-MERH-ALS’, ‘X-MAL-WENIGER-ALS’) ist im Alltag gebräuchlicher und klarer (b).

 

(b) STRASSE   DREI   MAL   MEHR   PROD-MASS(Breite >2x)   II 00:56-00:59
‘Die Strasse ist dreimal breiter als … .’

 

(c) STRASSE   IXa   DREI   DREIFACH   PROD-MASS(Breite >2x)  II  01:01-01:05
‘Die Strasse ist dreimal so breit wie … .’

In Gebärdensprache kann ein solcher Vergleich zusätzlich mit kontextspezifischen Handformen visualisiert werden. In den Beispielen (b) und (c) werden die beiden Strassenbreiten beziehungsweise ihr Verhältnis mit der B-Handform mit ausgestrecktem Daumen visualisiert.

Vor der lexikalisierten Gebärde ‚MAL‘ muss eine Zahl stehen. In einem Vergleich folgt auf die Gebärde ‚MAL‘ die Gebärde ‚MEHR‘ beziehungsweise ‚WENIGER‘, eine Eigenschaft und die Gebärde ‚ALS‘ (‚Drei mal mehr X als Y.‘, ‚Drei mal weniger X als Y.‘).

Die lexikalisierte Gebärde ‚WIE‘ bringt Ähnlichkeiten zum Ausdruck (Eigenschaften unterscheiden sich kaum). Ein Vergleich kann sich aber auch auf einen Gegensatz beziehen (Eigenschaften unterscheiden sich maximal). Dafür existieren unterschiedliche lexikalisierte Gebärden wie zum Beispiel die Gebärde ‚GEGENTEIL‘:

Ein Beispiel:

(a)
POSS-1   CHEF   Kopfnicken(1x)  I   FERIEN   ZURÜCK(re-mitte)   AUSSEHEN   GEGENTEIL   VERÄNDERN   I   GESTE(oh)   I   ALS   VORHER   II   00:17-00:25
‚Als mein Chef aus den Ferien zurückkehrte, sah er völlig verändert aus.‘

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