Methoden zur Entwicklung des Inhalts

Der ungewöhnliche, vielleicht bahnbrechende Aspekt dieser Grammatik der Gebärdensprache ist, dass die beschreibenden Texte und Beispiele zuerst in DSGS formuliert wurden, von einer Gebärdenden, welche diese Sprache als Erstsprache erlernt hat und über umfangreiche Erfahrungen im Unterricht und in der Forschung zu dieser Sprache verfügt. Diese DSGS-Texte wurden dann von einer DSGS-Dolmetscherin ins Schriftdeutsche übersetzt. Nachher wurden die deutschen Texte von Gebärdensprach-Linguistinnen auf die angemessene Verwendung traditioneller linguistischer Begriffe und Beschreibungen sowie in einigen Fällen auf die Verwendung neuer Begriffe und Beschreibungen geprüft, die sich aus der Betrachtung der Grammatik aus der Perspektive einer Gebärdenden ergeben. Parallel zu diesen gebärdeten und deutschen Texten wurde ein deutsches Glossar mit den wichtigsten sprachlichen Begriffen erstellt, die in den Texten verwendet werden.

 

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Kapitel, Inhaltsverzeichnis, Glossar, Glossierung Konventionen

Inhalt des Handbuches

Dieses Handbuch wird hauptsächlich auf vorhandener Information über die DSGS basieren und prioritär jene linguistischen Strukturen behandeln, die in den DSGS-Kursen und bereits existierenden Materialien erwähnt werden. Ausserdem werden neue Informationen hinzugefügt, die im bereits vorhandenen Material nicht behandelt werden.

Die grammatikalischen Themen wurden ausgewählt, weil sie für die kommunikative Kompetenz in DSGS grundlegend sind. Die in diesem Online-Handbuch behandelten Themen sind auf dem Startbildschirm der Website aufgelistet. Zu den fett gedruckten Themen wurden bereits Informationen hochgeladen. Die grau gedruckten Themen sind noch in Bearbeitung.

Gezielte Benutzer:innen und Website-Format des Handbuches

Eine der wichtigsten Zielgruppen dieses Handbuchs sind gehörlose DSGS-Lehrer:innen und Ausbilder:innen von DSGS-Dolmetscher:innen sowie deren Studierende, die diese Sprache lernen wollen. Das Handbuch sollte auch für Forscher:innen und Entwickler:innen von Lernmaterialien für DSGS nützlich sein. Da das Handbuch online verfügbar sein wird, wird der Inhalt auch für die Öffentlichkeit zugänglich sein, die sich für diese Sprache interessiert. Für die gehörlose DSGS-Gemeinschaft wird dieses Handbuch ein Mittel sein, wichtige Informationen über ihre Sprache zu archivieren.

Statt gedruckt wird das Handbuch online publiziert werden. Das Format Webseite erlaubt eine flächendeckende (sowie kostengünstige und nachhaltige) Verbreitung und hat auch den Vorteil, dass sich zukünftige Ergänzungen und Korrekturen einfacher gestalten. Das Online-Handbuch soll nicht nur für das Zielpublikum einfacher zu erreichen sein, sondern auch für Leute, die nur gelegentlich Bedarf an solchen Informationen haben (z.B. Politiker:innen, Sozialarbeiter:innen, Eltern, Medienschaffende usw.) sowie Personen, die einfach mehr über diese Sprache erfahren möchten.

Ziel des Handbuches

Ziel dieses Handbuchs ist es, die Grammatik der Deutschschweizerischen Gebärdensprache (DSGS) in einer für Gebärdende leicht verständlichen Videoform, in Bildern sowie in einem deutschen Text zu beschreiben. Durch die Publikation auf einer Website soll sie sowohl gehörlosen als auch hörenden Nutzer:innen besser zugänglich gemacht werden. Die verwendeten linguistischen Fachbegriffe werden in einem beigefügten Glossar erläutert. Die aktuelle Version des Handbuchs stellt ein Pilotprojekt dar. Der Inhalt des Handbuchs wird in weiteren Projekten ständig erweitert und möglicherweise modifiziert werden, sobald Mittel zur Verfügung stehen.

Warum ein Handbuch über die Grammatik der Deutschschweizerischen Gebärdensprache (DSGS)?

Es ist höchste Zeit, die grammatischen Informationen aus allen diesen vorhandenen Quellen einem breiteren (gehörlosen und hörenden) Publikum kompakt und in einem verständlichen Stil verfügbar zu machen.

Handelt es sich bei einer Verneinung um eine Aufforderung oder Bitte, etwas nicht zu tun, so wird die Bewegung der verneinenden Gebärden ‚NICHT‘ (mit Zeigefinger-Handform oder offener Hand) oft wiederholt. Zusätzlich dazu spielt die Ausführungsstelle eine wichtige Rolle. Zwei Aussagen, welche an zwei unterschiedlichen Loki verortet sind, werden einander gegenübergestellt: Der erste Lokus steht für die Aussage ‘So soll es nicht sein’ und der zweite Lokus für die Aussage ‘So soll es sein’.

 

(a) NICHT++ ( klein)

(b) NICHT++ (Hf-5: klein)

‘So soll es nicht sein – so soll es sein.’

– 00:12-00:14

 

Die nichtmanuellen Komponenten sind ebenfalls daran beteiligt, eine Aufforderung oder Bitte zu transportieren: Oberkörper und Kopf sind nach vorne gerichtet.

 

Die rückwärtsgerichtete Haltung kommt – im Gegensatz zur Ablehnung in dieser Position – einer Abschwächung der Aufforderung oder Bitte gleich.

 

Im Gegensatz zum Befehl, welcher eine einmalige Bewegung der verneinenden Gebärden ‚NICHT‘ erfordert, wird die Bewegung bei einer Aufforderung wiederholt.

Massstab oder Perspektive sind an der Rollenübernahme beziehungsweise am Rollenwechsel, am Blick und an der Art und Weise der Beschreibung des Raumes erkennbar:

(a) – 00:20-00:28

In diesem Beispiel (a) begegnen sich ein Käfer und eine Schnecke, sie grüssen sich und gehen weiter.

Beide zusammen nehmen den gesamten Raum in Anspruch, werden also beide um etwa Faktor 50 vergrössert. Das Grössenverhältnis zwischen den beiden entspricht jedoch der Realität.

Die gebärdende Person übernimmt in diesem Beispiel die Rollen beider Referent:innen, ahmt die jeweilige Art der Fortbewegung nach und ändert mit dem Rollenwechsel auch die Blickrichtung.

Im folgenden Beispiel (b) nimmt die gebärdende Person auch eine Teilnehmenden-Perspektive ein, die hier auch als Innenperspektive gedacht werden kann, indem sie Teil des realen Raumes ist, in welchem die relative Grösse der Objekte der Realität entspricht.

(b) – 00:05-00:13

Techniken zur Darstellung von Massstab und Perspektive – 1 Beispiel (innen)

‘Ich sitze mit einem Kollegen in einem Restaurant an einem Tisch, der Kellner kommt und wir begrüssen uns.

Die folgenden zwei Beispiele geben ein Ereignis aus unterschiedlicher Perspektive wieder. Im ersten Beispiel werden Teilnehmenden-/Innenperspektive und Erzähl-/Aussenperspektive kombiniert:

Techniken zur Darstellung von Massstab und Perspektive – 2 Beispiel (halb innen)

(c) – 00:04-00:10

‘Auf der linken Strassenseite befindet sich ein Haus, auf der rechten ein Wohnblock. Ich laufe der Strasse entlang.’

Zum Vergleich dasselbe Ereignis aus der Teilnehmenden-Perspektive:

(d) – 00:17-00:23

Entscheidend ist hier die Darstellung der tatsächlichen Grössenverhältnisse (Haus-Block) und die Blickrichtung (dem Block entlang nach oben)

(e) Video von Techniken zur Darstellung von Massstab und Perspektive – 1 Beispiel (innen)

 

Wie mit dem Objektiv einer Kamera kann auch in Gebärdensprache der Bildausschnitt gewählt werden, der im Gebärdenraum wiedergegeben werden soll. Zudem kann der Gebärdenraum aus normaler Augenhöhe, aus der Frosch- oder aus der Vogelperspektive strukturiert werden. NMK (Blick, Mimik, Rotation des Oberkörpers, Bewegung) sowie Gebärdengrösse und -form bringen die unterschiedlichen Perspektiven zum Ausdruck.

Der reale Raum kann im Gebärdenraum in unterschiedlichem Massstab und aus unterschiedlicher Perspektive abgebildet werden. Nimmt die gebärdende Person eine Erzähl-Perspektive ein, so ist ihr Blickwinkel weiter. Wählt sie jedoch einen Ausschnitt, so zoomt sie diesen sozusagen heran und hat selbst Anteil am Raum.

Der globalen Verortung liegt die Vorstellung der Weltkugel in ihrer Dreidimensionalität zugrunde.

Die Schilderung einer Weltreise mit Start in der Schweiz über Russland und China nach Australien sieht folgendermassen aus:

(a) – 00:12-00:22

Die gebärdende Person stellt die Referent:innen und ihre Bezüge immer aus der Perspektive ihres aktuellen Standorts dar. Wäre dies Australien, würde sie die Route Richtung Schweiz folgendermassen ‘zeichnen’:

(b) – 00:29-00:34

Die vertikale Verortung (vertikale Ebene im Raum) kommt häufig zum Einsatz. Alle visuellen Darstellungen in zwei Dimensionen (z.B. Bild, Beschreibung, Grafik, Zeichnung oder Landkarte) werden auf einer vertikalen Ebene vor der gebärdenden Person abgebildet. So zum Beispiel in der Schweiz die Strecke Genf – St. Gallen im folgenden Beispiel:

(a) – 00:28-00:33

Die gebärdende Person richtet ihren Blick auf die vor ihr liegende imaginäre vertikale Landkarte und verortet Genf im Westen entsprechend links, St. Gallen im Osten rechts. Die Bezüge zwischen den beiden Referent:innen (z.B. die Art und Weise sowie die Form des Pfades, der Fortbewegung beziehungsweise Route) werden ebenfalls auf dieser vertikalen Frontalebene dargestellt.

Die vertikale Verortung kann für ganz Europa und seine verschiedenen Länder verwendet werden.

Angaben zu Organigrammen (b), Familienstammbäumen (c) oder Bildschirmen (d) werden ebenfalls vertikal verortet.

 

(b) Organigramm:  – 00:53-01:02

(c) Familienstammbaum: – 01:03-01:12

(d) Bildschirm: – 01:14-01:21

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