Mundformen können Eigenschaften (Personen, Dinge, Formen) noch näher beschreiben.
Dazu ein Beispiel:

(a)
EIN(mb:ein)   FRAU(mb:frau)   IX-3   DÜNN(mf:SO-DÜNN)  //
PROD-CATWALK(mf:STOLZ)
00:23-00:26
‚Diese äusserst schlanke Frau läuft wie auf einem Laufsteg.‘

Zur Präzisierung der Eigenschaften werden hier spezifische Mundformen benutzt. Ohne Mundform ergäbe sich lediglich die Aussage:

(b)
EIN   FRAU(mb:frau)   IX-3   DÜNN(mb:dünn)  GEHEN(mb:laufen)   II
00:47-00:50
‚Die schlanke Frau läuft …  .‘

In den Beispielen des Kapitels 12.40 handelte es sich jeweils um ein einfaches Verb. Durch das Hinzufügen einer Mundform zu einem einfachen Verb wird die Art und Weise der Handlung differenziert: Das Arbeiten fand in gewohnter Art und Weise/in gewohntem Umfang statt/war nicht anstrengend oder aber es war streng oder es war lustlos/nicht motiviert.

Produktive Verbformen (substitutive, manipulative, massanzeigende, skizzierende, stempelnde Technik), welche eine Aktion/Handlung präziser beschreiben, nutzen dazu oft eine Mundform. Folgende Beispiele zeigen, wie die Art und Weise einer Aktion/Handlung damit differenziert werden kann:

(a)
00:58-01:03 
Die verschiedenen Mundformen zum Manipulator ‘TÜRE ÖFFNEN’ geben an, wie unterschiedlich streng das Öffnen einer Tür sein kann.

(b)
01:11-01:17
Die unterschiedlichen Mundformen zum Substitutor ‚AUTO FAHREN‘ geben darüber Auskunft, wie ein Auto eine kurvenreiche Bergstrasse aufwärtsfahren kann (in normalem Tempo, schnell, sich mehr oder weniger stark in die Kurve legend).

Auch Orts- und Pfadverben können von Mundformen begleitet werden, um zusätzliche Informationen zu vermitteln:

(c)
IX-1(ich)   IXa   LUZERN   IXb –PENDELN(mf:VIEL)-IXa  II
01:29-01:32
‘Ich gehe sehr oft nach Luzern.’
Die Mundform steht hier für ‚sehr viel/sehr oft‘.

Mundformen liefern – wie Mundbilder auch – zusätzliche Bedeutung. Sie präzisieren die Art und Weise einer Aktion/Handlung, werden also oft zusammen mit einem Verb produziert.
Auch Verben können von einer Mundform begleitet werden. Zunächst ein Beispiel ohne Mundform, dann zwei Beispiele mit Mundformen:

(a)
GESTERN   IX-1(ich). GANZ-TAG(Uhr)  ARBEITEN(mb:arbeiten)
00:48-00:51
‘Gestern habe ich den ganzen Tag gearbeitet.’

In diesem Beispiel wird das einfache Verb ‘ARBEITEN’ vom Mundbild ‘arbeiten’ begleitet. Wie gearbeitet wurde, bleibt offen.

Soll angezeigt werden, wie die Handlung vollzogen wird, dann wird eine Mundform benutzt:

(b)
GESTERN   IX-1(ICH))  GANZ-TAG(Uhr)  ARBEITEN(mf:VIEL
01:09-01:13
‚Gestern habe ich den ganzen Tag wie verrückt gearbeitet.‘

(c)
GESTERN   IX-1(ICH)  GANZ-TAG(Uhr)  ARBEITEN(mf:ÜBLICH
01:013-01:17
‚Gestern habe ich den ganzen Tag wie üblich (in normalem Tempo und Umfang) gearbeitet.‘

Eine Mundform wird also gebildet, wenn die Art und Weise einer Handlung vermittelt werden soll. Ansonsten kann ein Verb von einem Mundbild begleitet werden; dies ist aber wiederum abhängig davon, um welche Art von Verb es sich handelt (s. Kapitel 12.23 Mundbild bei Prädikat).

Die Bewegung der Nase hat ebenfalls Einfluss auf die Form des Mundes, wie folgende Beispiele zeigen:

(a)
00:12-00:16

Solche Bewegungen der Nase wirken sich aber nicht nur auf die Form des Mundes aus, sondern vermitteln ebenfalls zusätzliche Bedeutungen:

(b)

00:25-00:26
Hier kommt zum Ausdruck, dass die gebärdende Person etwas nicht kennt/nicht weiss, etwas wissen will.

(c)

00:34-00:35
Mit dieser Bewegung der Nase wird Bestätigung zum Ausdruck gebracht. Sie ersetzt in diesem Sinne die Gebärde ‘RICHTIG’, ‘GENAU’.

(d)

00:47
Hier wird vermittelt, dass etwas akzeptiert werden muss, weil es nun einmal passiert ist.

Jede dieser unterschiedlichen Mundformen kann noch weiter differenziert werden, um die vermittelte Bedeutung zu betonen/zu verstärken beziehungsweise abzuschwächen. Dazu verschiedene Beispiele:

MF 1

(a) Abschwächung (b) Betonung/Verstärkung
00:14-00:15  / 00:18-00:19  

MF 4

(c) Abschwächung (d) Betonung/Verstärkung (e) starke Betonung/Verstärkung
00:22-00:23  /  00:24-00:25  /  00:26  

MF 2

(f) Abschwächung bis starke Betonung/Verstärkung
00:29-00:30  

MF 5
Oft wird auch der Kiefer mehr oder weniger stark nach vorne gezogen, je nach Stärke der Betonung/Verstärkung:

(g)
00:41-00:45

MF 1
Diese Mundform beinhaltet die Information: ‘üblich’, gewöhnlich’, ‘normal’, also ‘nichts Spezielles’.

MF 2
Diese Mundform beinhaltet die Information: ‘Anspannung’, ‘Stress’, ‘Härte’, ‘viel’, ‘knapp’.

MF 3
Diese Mundform beinhaltet die Information: ‘viel’, ‘umfangreich’, ‘schwer’, ‘voll’, ‘streng’.

MF 4
Diese Mundform beinhaltet die Information: ‘Desinteresse’, ‘nicht motiviert’, ‘etwas aushalten müssen’, ‘Geduld haben müssen’, ‘etwas akzeptieren müssen’.

MF 5
Diese Mundform beinhaltet die Information: ‘nicht wissen’, ‘nichts zu tun haben mit’, ‘Abgrenzung’.

MF 6
Diese Mundform beinhaltet das Gegenteil der Mundform 3: ‘schmal, ‘wenig’, ‘dünn’, ‘fast nichts’.

MF 7
Diese Mundform beinhaltet die Information: ‘heimlich’, ‘geheim’, ‘etwas für sich behalten müssen’, ‘peinlich’.

Es gibt viele unterschiedliche Mundformen. Die sieben gebräuchlichsten werden hier vorgestellt:

(a)
00:11-00:25

Die Einteilung in diese sieben Grundformen basiert darauf, dass jede Grundform eine Reihe ähnlicher Informationen/Bedeutungen vermittelt:

Mundformen – manchmal werden sie auch als Mundgesten bezeichnet – sind Bewegungen des Mundes, welche nicht von der deutschen Sprache motiviert sind. Gesten (welche auch hörende Personen benutzen) werden oft von Mundformen begleitet, wie folgende Beispiele zeigen:

(a)
00:15-00:19

In der Gebärdensprache wurden solche Mundformen im Laufe der Zeit weiterentwickelt. Die zahlreichen Mundformen der Gebärdensprache verleihen den Gebärden zusätzliche Bedeutung (wie die Bewegung der Augenbrauen und des Oberkörpers auch).

Die unterschiedliche Handhabung des Mundbildes kann auf Satzebene dazu dienen, Satzeinheiten zu bilden bzw. sie voneinander abzugrenzen. En Beispiel dazu:

a)

‚Die Frau.‘
00:25-00:27

Das Mundbild ‚Frau‘ erstreckt sich über die Gebärden ‚FRAU‘, den Index für die Frau und den Substitutor ‚PERSON‘. Damit wird eine Einheit aus allen drei Elementen gebildet. Würde der Substitutor ebenfalls von einem Mundbild (‚Person‘) begleitet, so wäre die Einheit aufgebrochen.

Ein weiteres Beispiel:

(b)

‚Das rote Buch.‘
00:53-00:57

Die Gebärde ‚BUCH‘ wird vom Mundbild ‚Buch‘ begleitet. Das Mundbild ‚rot‘ erstreckt sich über die Gebärde ‚ROT‘ und den Substitutor für das ‚BUCH‘ und bildet damit die Einheit ‚rotes Buch‘.

Ob und wie die Ausführung von Gebärde und Mundbild zeitlich übereinstimmt, ist ein komplexes Thema.

Die Sprachwerkzeuge der Lautsprache – Stimmbänder, Luft, Zunge, Zähne und Lippen – gehören alle derselben Modalität an. Mit Hilfe dieser Werkzeuge werden gesprochene Wörter gebildet. Natürlich bedient sich auch die Lautsprache Gesten, um zusätzliche Informationen zu übermitteln.

Die Modalität der Gebärdensprache ist eine andere, sie nutzt die Werkzeuge Arme, Hände, Finger, Oberkörper, Mimik und – wie die Lautsprache – Mundbilder und Mundformen. Die Mundbilder der Gebärdensprache zählen zu den nichtmanuellen Komponenten. Sie können zusammen mit weiteren nichtmanuellen und mit manuellen Komponenten ausgeführt werden. Es ist möglich, dass ein Mundbild und eine Gebärde gleichzeitig ausgeführt werden, dass eine Gebärde von mehreren Mundbildern begleitet wird oder aber das sich ein Mundbild über mehrere Gebärden hinweg erstreckt. Eine solche Dehnung fungiert oft als eine Art «prosodische Markierung» von Gruppen von Gebärden zu Phrasen, ähnlich wie es die vokale Intonation für gesprochene Phrasen tun kann.

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