Mit einer Verneinung beziehungsweise Negation wird ausgedrückt, dass etwas nicht existiert, nicht passiert, nicht der Fall ist. In DSGS gibt es dazu zahlreiche lexikalisierte Gebärden. Einige Beispiele:

 

(a) ‚KEIN‘ – 00:16-00:17

(b) ‚NIE‘ – 00:17-00:18

(c) ‚NULL‘ – 00:19-00:20

(d) ‚NICHT‘ – 00:20-00:21

 

Die manuellen Komponenten (Handform, Handstellung, Ausführungsstelle und Bewegung) und die nichtmanuellen Komponenten dieser lexikalisierten Gebärden haben eine klar definierte Grundform. Um eine Verneinung zu differenzieren, weichen die manuellen und nichtmanuellen Komponenten von ihrer Grundform ab, sie werden modifiziert.

Die lexikalisierte Gebärde ‘DA’ zeigt Besitz, Eigentum oder Zugehörigkeit aus, drückt aus, dass über etwas verfügt wird, etwas vorhanden ist:

 

(a) ‘DA’ (2 Varianten) – 00:06-00:08

 

Dazu einige Beispiele:

 

(b) MÄDCHEN  IXa  | DA  BALL  ||00:24-00:27

‘Das Mädchen hat einen Ball.’

 

(c) IXa  FAMILIE  |  DA  FÜNF KINDER  ||00:30-00:33

‘Die Familie hat fünf Kinder.’

 

(d) MANN  IX|  DA ARBEITEN  ||00:35-00:39

‘Der Mann hat Arbeit.’

 

Die deutsche Sprache kennt die beiden Hilfsverben ‘sein’ und ‘haben’. Das Hilfsverb ’sein’ bedeutet u.a. eine bestimmte Eigenschaft oder Art zu haben. Im Beispiel ‘Das Mädchen ist traurig’ dient es dazu, einen inneren Zustand, eine Befindlichkeit auszudrücken.

Das Hilfsverb ‘haben’ drückt Besitz, Eigentum oder Zugehörigkeit aus, drückt aus, dass über etwas verfügt wird, etwas vorhanden ist.

Die Hilfsverben ‘haben’ und ‘sein’ dienen in der deutschen Sprache darüber hinaus dazu, Tempus und Modus auszudrücken. Im Gegensatz dazu drückt die Gebärde ‘DA’ lediglich Besitz usw. aus.

 

Es folgen zwei Beispiele dazu, wie in DSGS die Inhalte und Funktionen von ‘sein’ und ‘haben’ umgesetzt werden:

 

(e) MANN  IX-3a TRAURIG  IX-3a  ||01:23-01:27

‘Der Mann ist traurig.’

 

In diesem Beispiel (e) wird der innere Zustand des Mannes ausgedrückt, er ist traurig. Die DSGS verzichtet auf ein Hilfsverb wie ‘sein’.

 

(f)  IX-3a  MANN  GESTERN  LESEN  ||01:34-01:38

‘Der Mann hat gestern gelesen.’

 

In DSGS wird die Zeitangabe alleine durch die Gebärde ‘GESTERN’, welche vor dem Verb ‘LESEN’ steht, ausgedrückt. Das Verb ‘LESEN’ selbst wird nicht modifiziert. Im Deutschen setzt sich dieselbe Zeitangabe aus dem flektierten Hilfsverb ‘hat’ und dem flektierten Vollverb ‘gelesen’ zusammen.

Einfache Verben, übereinstimmende Verben und produktive Verbformen unterscheiden sich durch die Modifikationsmöglichkeiten. Während bei den produktiven Verbformen alle Parameter modifiziert werden können, sind bei den übereinstimmenden Verben nur Handstellung, Bewegung, Ausführungsstelle und bei den einfachen Verben ist nur die Ausführungsstelle modifizierbar.

Dieselbe Tätigkeit kann sowohl durch ein einfaches Verb, ein übereinstimmendes Verb oder durch eine produktive Verbform ausgedrückt werden.

 

Viele lexikalisierte Verben gehören zur Kategorie der einfachen Verben, dies ist aber nicht zwingend der Fall.

Ein übereinstimmendes Verb kann ebenfalls als einfaches Verb ausgeführt werden wie z.B. das Verb ‘FRAGEN’:

 

(a) FRAGEN als übereinstimmendes Verb

FRAU  IX-3a  3aFRAGEN3b  MANN  IX-3b  ||00:49-00:50

 

In diesem Beispiel (a) wird die Tätigkeit des Fragens als übereinstimmendes Verb mit Ausgangspunkt beim Subjekt und Endpunkt beim Objekt umgesetzt.

 

(b) FRAGEN als einfaches Verb

FRAU  IX-3a    FRAGEN  MANN   IX-3b  ||00:54-00:56

 

Die Tätigkeit des Fragens wird in diesem Beispiel (b) in Form eines einfachen Verbs umgesetzt, die Übereinstimmung wird lediglich durch Indexierung angezeigt.

Variante (a) (übereinstimmendes Verb) ist jedoch viel klarer.

In Gebärdensprache gibt es eine gewisse Freiheit bezüglich Wahl der Verbart. Ein Inhalt kann sowohl durch ein einfaches Verb, ein übereinstimmendes Verb oder durch eine produktive Verbform umgesetzt werden. Je detaillierter etwas wiedergegeben werden soll, desto höher ist der Anteil an produktiven Verbformen. Es folgen Beispiele mit unterschiedlichen Verbarten:

 

(a) ICH  GERN  WASSER  TRINKEN  ||00:27-00:30

‘Ich trinke gerne Wasser.’

 

Die Information in diesem Beispiel (a) ist allgemein gehalten.

 

(b) ICH  GERN  WASSER  ICH  PROD-drehen(Wasserhahn+Rolle:aus dem Wasserhahn trinken)   ||00:35-00:38

‘Ich trinke Wasser gerne direkt vom Wasserhahn.’

 

In diesem Beispiel (b) wird genau angegeben, welche Art von Wasser und wie dieses gerne getrunken wird: Leitungswasser direkt vom Wasserhahn, nicht aus einem Glas. Das Hinzufügen einer produktiven Verbform zu einem einfachen Verb liefert zusätzliche Informationen.

 

(c) ICH ARBEITEN | PROD-tippen(+Rolle)  ||01:01-01:03

‘Ich bin am Arbeiten.’

 

‘ARBEITEN’ gehört in der Regel zu den einfachen Verben. In diesem Beispiel (c) wird die Tätigkeit des Arbeitens jedoch spezifiziert (arbeiten am Computer) durch den Rollenwechsel und das Hinzufügen einer produktiven Verbform (Handhabung der Tastatur).

 

Die Spezifizierung der Tätigkeit des Arbeitens ist auch in folgendem Beispiel ersichtlich:

 

(d) ICH ARBEITEN | PROD-streichen(Wand + Rolle)  |  PROD-staubsaugen(+Rolle)  ||01:19-01:23

‘Ich streiche die Wände und sauge den Boden.’

 

Rollenwechsel und produktive Manipulationsverben vermitteln, dass die Arbeit aus dem Streichen der Wände und dem Staubsaugen besteht.

Von den einfachen Verben über die übereinstimmenden Verben bis hin zu den produktiven Verbformen steigt die Komplexität, da die Modifikationsmöglichkeiten zunehmen.

Ob ein Inhalt durch ein einfaches Verb, ein übereinstimmendes Verb oder eine produktive Verbform ausgedrückt wird, ist abhängig vom Kontext und von der Textsorte. Grob unterschieden werden die Textsorten Erzählung, Erklärung, Information/Bericht, Beschreibung und künstlerischer Ausdruck:

 

Erzählung:

In einer Erzählung wird meist ein Erlebnis, Ereignis, eine Beobachtung oder auch eine Geschichte (z.B. Kinderbuch) möglichst präzise wiedergegeben. Daher nutzt diese Textsorte viele produktive Verbformen sowie auch viele Rollenwechsel, welche konstruierte Aktion und konstruierten Dialog beinhalten (siehe Kapitel 11).

 

Information/Bericht:

Eine sachliche Information wie das Erläutern eines Programms, das Ankündigen eines Arbeitsauftrags oder der Rückblick auf die vergangene Wettersituation wird weniger mit produktiven Verbformen, sondern meist durch einfache und übereinstimmende Verben ausgedrückt.

 

Beschreibung:

Die Beschreibung einer Kaffeemaschine und ihrer Funktionsweise erfordert einen höheren Grad an Detailgenauigkeit und daher einen grossen Anteil an produktiven Verbformen, wie folgendes Beispiel zeigt:

 

(a) – 01:51-01:54

Die indizierende (oder Pfad-) Technik vermittelt Informationen zur Fortbewegung eines Objekts von einem Ausgangspunkt zu einem Zielpunkt. Richtung und Richtungsänderungen können präzise angegeben werden, in dem sie mit dem Zeigefinger nachgezeichnet werden. Dies zeigen folgende Beispiele:

(a) – 00:15-00:18

 

In diesem Beispiel (a) wird mit dem Zeigefinger der genaue Flugverlauf eines Vogels wiedergegeben.

(b) – 00:27-00:35

 

In diesem Beispiel (b) werden sowohl der Weg einer Flüssigkeit in einer chemischen Anlage als auch die Art und Weise ihrer Fortbewegung (fliessen, tropfen, steigen) veranschaulicht.

(c) – 00:40-00:46

 

Der Zeigefinger zeichnet hier den Weg und die Art und Weise der Fortbewegung des Fussballs während eines Spiels nach (in die Luft gekickt, auf den Boden fallend, im Zickzack von einer Seite zur anderen springend).

Die stempelnde Bilderzeugungstechnik wird für die Beschreibung von Mustern, d.h. für die Darstellung von sich regelmässig wiederholenden Formen, benutzt.

 

Dazu einige Beispiele:

(a) ‘Roter Pullover mit weissen Punkten.’

– 00:16-00:20

 

Die F-0 Handform O gibt die Form des einzelnen Motivs (Punkt) wieder, die Bewegung die Regelmässigkeit und Wiederholung des Motivs. So entsteht das Bild eines Stempels, welcher weisse Punkte auf den roten Pullover setzt.

 

(b) ‘Bub mit Gesicht voller Sommersprossen.’

– 00:25-00:29

 

Die Fingerkuppen stehen in diesem Beispiel für die einzelnen Sommersprossen. Das Muster ergibt sich aus der sich wiederholenden Stempelbewegung.

 

Auch aus den folgenden Beispielen wird ersichtlich, dass die Handform die Form des einzelnen Motivs und die Bewegung das Muster (Regelmässigkeit und Wiederholung des einzelnen Motivs) wiedergibt.

 

(c) ‘Er/sie trägt ein weisses Oberteil mit schwarzen Streifen.’

– 00:33-00:39

 

(d) ‘Fussgängerstreifen.’

Im Gegensatz zur massangebenden Bilderzeugungstechnik vermittelt die skizzierende Bilderzeugungstechnik ein zweidimensionales Abbild eines Objektes, indem mit der Zeigefingerspitze sein Umriss (z.B. Umriss eines Bildes) nachgezeichnet wird:

(a) – 00:20-00:28

 

Dies muss nicht zwingend auf der vertikalen Ebene geschehen, wie folgende Beispiele zeigen (Umriss einer Brille und Umriss von Katzenohren):

(b) – 00:37-00:43

 

Die Skizze der ‘Katzenohren’ bildet nicht nur ihren Umriss, sondern auch ihre Ausrichtung ab.

 

In folgendem Beispiel (‘Bilderrahmen’) überschneiden sich skizzierende Bilderzeugungstechnik und massangebende Bilderzeugungstechnik. Skizziert wird aber immer auf einer zweidimensionalen Ebene:

Mit der massanzeigenden Bilderzeugungstechnik werden die absolute oder die relative Grösse von belebten oder unbelebten Objekten beschrieben. Meist wird dazu die B-Handform benutzt.

 

Dazu einige Beispiele:

 

(a) ‘Der Mann ist sehr gross, die Frau eher klein.’

– 00:20-00:24

 

In diesem Beispiel (a) werden einerseits die relative Grösse des Mannes und der Frau in Bezug zur gebärdenden Person sowie der Grössenunterschied zwischen Mann und Frau angezeigt.

 

(b) ‘Die neugeborenen Kätzchen sind so klein.’

– 00:27-00:30

 

Dieses Beispiel (b) vermittelt die absolute Grösse der Kätzchen.

 

Nebst der Grösse kann mit der massangebenden Bilderzeugungstechnik auch die Form eines Objekts wiedergegeben werden:

(c) ICH  KAUFEN  SCHÖN  VASE  PROD-Form(grosse Vase) ||00:38-00:42

‘Ich kaufe eine schöne grosse, bauchige Vase mit einem schmalen kurzen Hals und einer breiten Öffnung.’

 

Bevor Grösse und Form eines Objekts beschrieben werden können, muss das Objekt selbst benannt werden (z.B. ‘Vase’). Die massangebende Bilderzeugungstechnik vermittelt danach ein recht genaues Bild eines Objekts in kurzer Zeit. Im Deutschen erfordert dieselbe Grössen- und Formbeschreibung mehrere Adjektive.

 

(d) – 00:53-00:59

 

In Beispiel (d) werden unterschiedliche Grössen und Formen von Rohren dargestellt.

 

Die massangebende Bilderzeugungstechnik nutzt meist die B-Handform, oft mit beiden Händen, um ein Abbild eines dreidimensionalen Objekts wiedergeben zu können.

 

In folgendem Beispiel (Kaffeemaschine) wird zusätzlich eine weitere Handform gewählt, um ein Detail zu beschreiben (Kaffeeauslauf):

 

(e) – 01:10-01:14

 

Die massangebende Bilderzeugungstechnik kann sich mit der skizzierenden oder mit der manipulativen Bilderzeugungstechnik überschneiden.

 

In folgenden Beispielen werden gleichzeitig Informationen zur Handhabung (Manipulator) und Grösse (Mass) eines Objekts (‘Buch’) vermittelt:

 

(f) – 01:31-01:33

 

Hand und Bewegung funktionieren in diesem Beispiel einerseits als Manipulator, da eine Handlung vollzogen wird (das Buch wird ins Regal gestellt). Gleichzeitig gibt die Handform aber auch Auskunft über die Dicke des Buches (Mass).

 

Um die Grössenangabe zu verändern (dünnes oder dickes Buch), muss die Handform entsprechend angepasst werden:

Im Gegensatz zur substitutiven Technik, bei der die Hand für ein Objekt steht, steht die Hand bei der manipulativen Technik dafür, wie ein Objekt gehalten oder benutzt wird. Die Handform und die Handstellung vermitteln Informationen zu Form und Grösse des Objektes.

 

Dazu unterschiedliche Beispiele:

 

(a) Manipulator für Objekte, welche mit Daumen und Fingern umschlossen werden

Video – 00:20-00:22

 

Das Beispiel (a) zeigt, wie ein Trinkglas gehalten und zum Mund geführt wird. Dieselbe Manipulator-Form wird für die Handhabung von weiteren zylinderförmigen Hohlgefässen wie Flaschen, Büchsen oder Rohren mit ähnlich grossem Durchmesser benutzt.

 

(b) Manipulator für Objekte, welche mit dem Pinzettengriff gehalten werden

Video – 00:36-00:37

 

In diesem Beispiel (b) wird der Henkel einer Tasse mit Daumen und Zeigefinger gehalten und zum Mund geführt.

 

Dieselbe Manipulator-Form wird auch für die Handhabung anderer dünner, schmaler Objekte wie für den Stiel einer Blume oder einen Nagel benutzt:

Video – 00:43-00:47

 

(c) Manipulator für Objekte, welche in der Hand liegen, mit Zeigefinger und Daumen gehalten und von Mittel-, Ring- und kleinem Finger umschlossen werden

Video – 00:51-00:54

Video – 00:54-00:57

 

In ersten Beispiel wird ein Hammer gehalten und damit ein Nagel eingeschlagen. Derselbe Manipulator wird für das Halten und Handhaben eines Schlüssels benutzt, wie das zweite Beispiel zeigt.

 

(d) Manipulator für Objekte, welche mit der Faust umschlossen werden

Video – 00:55-00:56

 

Der Manipulator in diesem Beispiel (d) gibt wieder, wie ein Türgriff gehalten und gehandhabt wird.

 

Wie die Beispiele zeigen, passen sich die vier Parameter, insbesondere Handform und Handstellung, also stets der Form, den Ausmassen und dem Volumen eines Objektes an:

 

Video – 01:09-01:20

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