Zum Thema Sprachregister in Gebärdensprache liegen kaum Studien/Forschungsergebnisse vor. In der Deutschschweiz wurden dazu nur folgende kleineren Forschungsprojekte durchgeführt:
– Beobachtungen im Rahmen einer Gebärdensprachlehrer:innen-Ausbildung
– Bachelorarbeiten im Studiengang Gebärdensprachdolmetschen
– weitere kleinere Projektarbeiten, welche das Thema Sprachregister in Gebärdensprache behandeln.

Im Kapitel 16 Literatur werden einige davon aufgeführt.

In der Gebärdensprache wird – wie in der gesprochenen Sprache auch – zwischen verschiedenen Sprachregistern unterschieden. Das sprachliche „Register“ ist die Art und Weise, wie eine Person zu einem Publikum/einer anderen Person spricht/gebärdet. Das Register kann von sehr „formell“ bis sehr „informell“ variieren.
Das Sprachregister ist abhängig vom jeweiligen Kontext und von den an einem Gespräch beteiligten Personen. Folgende Kriterien beeinflussen das Sprachregister:

Vertrautheit beziehungsweise Nähe/Distanz zwischen den Beteiligten
Es spielt eine Rolle, ob sich die Beteiligten sehr nahe sind, sich sehr gut kennen oder ob sie sich fremd sind und somit eine Distanz zwischen ihnen besteht.

Alter der Beteiligten
Das gewählte Sprachregister ist abhängig vom Alter der Beteiligten, also vom Alter einer Einzelperson oder den Mitgliedern einer Gruppe. Eine Gruppe kann altershomogen oder altersheterogen sein.

Anzahl der Beteiligten
Es spielt eine Rolle, ob es sich bei den Beteiligten um eine kleine Gruppe oder um eine grosse Gruppe handelt oder ob die gebärdende Person nur ein Gegenüber hat.

Ort/Öffentlichkeitsgrad des Gesprächsanlasses:
Ob die Gesprächssituation in der Öffentlichkeit (Vortrag, Bildungsanlass, usw.), zu Hause im privaten Rahmen oder draussen stattfindet, hat einen Einfluss auf das Sprachregister.

Simultane Komponenten der Gebärdensprache

Wie die Lautsprachen setzen sich auch die Gebärden aus einem System von Basisbausteinen zusammen. Gebärdensprachen sind sehr multimodal, d. h. sie nutzen viele Kanäle, um sprachliche Informationen zu übermitteln.

Die Basisbausteine der Gebärdensprachen lassen sich in fünf gleichzeitig produzierte Parameter unterteilen: Handform, Handstellung, Ausführungsstelle, Bewegung und nicht-manuelle Komponenten, NMK (Form und Bewegung des Oberkörpers, des Kopfes, des Gesichts, des Mundes als Mundform oder Mundbild, sowie mit der Richtung des Blicks). Abbildung 2 zeigt die gleichzeitigen Parameter einer Gebärde. Die Veränderung der Komponenten dieser Parameter kann die Bedeutung der Gebärde verändern.

Abb. 2: Gleichzeitige Parameter als Bausteine der Gebärde.

Diese Parameter lassen sich in eine beschränkte Anzahl weiterer Komponenten unterteilen, deren Zusammensetzung von Sprache zu Sprache variiert.  Durch die Begrenzung der Zahl der Komponenten ist die Sprache leichter zu erlernen, nicht nur für Kinder. Der Deutschschweizerische Gebärdensprache steht zum Beispiel ein Set von Handformen zur Verfügung, das sich leicht von dem der Amerikanischen oder Italienischen Gebärdensprache unterscheidet. Die Ausführungsstelle bezieht sich auf den Ort, an dem die Gebärde ausgeführt wird, und zwar nicht nur am Körper selbst, sondern auch im dreidimensionalen Raum, in dem die Gebärdensprache gebildet wird. Anders als bei Pantomimen, die eine ganze Bühne als Raum nutzen können, bilden Anwender der Gebärdensprache praktisch alle Bewegungen in einem begrenzten Raum, dem sogenannten Gebärdenraum (Siehe Abb. 3)

Abb.3: Gebärdenraum (Bild: Katja Tissi)

Da Gebärdensprachen visuell wahrgenommen werden, können sie den dreidimensionalen Raum um den Gebärdenden herum für linguistische Zwecke nutzen, z. B. um bestimmte Orte im Raum (Locus/Loci) mit Personen oder Gegenständen zu assoziieren, über die man spricht. Die Richtung der Bewegung von einigen Gebärden zwischen diesen Orten im Gebärdenraum (z.B. Übereinstimmende Verben, Ortswechsel-Verben, Pfad-Verben, Produktive Verbformen) wird dann verwendet, um anzuzeigen, wer spricht oder wer wem etwas gibt (Agens und Objekt) oder von welchem Ort ein Objekt ausgeht oder wohin es sich bewegt. Eine frühe Studie ergab, dass es länger dauert, einzelne Gebärde zu produzieren als ein einzelnes Wort zu sprechen.⁴ Sie stellte jedoch auch fest, dass gebärdete Sätze in der Regel weniger Zeit als gesprochene Sätze mit dem gleichen Inhalt benötigen. Wie ist das möglich? Eine Erklärung liegt in den Unterschieden der Modalitäten, die von den beiden Sprachformen verwendet werden. Die Gebärden werden zwar nacheinander in Sätzen produziert, aber sie vermitteln auch viele sprachliche Informationen über ihre simultanen Komponenten.  Das visuelle System ist auf die Verarbeitung von gleichzeitigen Signalen zugeschnitten, während das auditive System der Lautsprache effizienter zwischen zeitlichen und sequenziellen Elementen unterscheiden kann (z.B. eine Abfolge von Wörtern). Deswegen ermöglicht die visuelle Modalität eine simultane Verwendung mehrerer Komponenten im dreidimensionalen Raum, was dazu beiträgt, dass die Nachteile des langsameren Produktionstempos für einzelne Gebärden ausgeglichen werden können. Diese Vorteile der visuellen Modalität werden bei der linguistischen Strukturierung von Gebärdensprachen oft genutzt.  Dies gilt auch für die Struktur von Sätzen (Syntax), die sowohl von gleichzeitigen Komponenten als auch von der Reihenfolge der Gebärden in einem Satz abhängt.

Sukzessive Komponenten der gesprochenen Sprache    

Bei all diesen Ähnlichkeiten in den Funktionen und einigen Strukturen der Gebärden- und der gesprochenen Sprache gibt es doch wichtige Unterschiede. Die meisten dieser Unterschiede ergeben sich aus der unterschiedlichen Modalität, in der die Sprachen wahrgenommen und produziert werden. Gesprochene Sprachen sind für eine akustische/orale Modalität strukturiert, während Gebärdensprachen für eine visuelle/körperliche Bewegungsmodalität strukturiert sind.

Gesprochene Sprachen werden mit Mechanismen des Mund- und Atmungsapparates produziert, was ihre Strukturen beeinflusst. Ihre wichtigsten Bedeutungseinheiten werden sukzessive produziert, eine nach der anderen, in den Einheiten der Wörter und Wortteile (Morpheme). Siehe das Beispiel in Abb. 1.

Abb. 1: Aufeinanderfolgende Komponenten in einem gesprochenen Satz

Wird eine lexikalisierte Gebärde im Singular im neutralen Raum ausgeführt, so kann diese zur Pluralbildung wiederholt werden. Zwingend ist diese Form der Pluralbildung aber nicht. Anstelle der Wiederholung der lexikalisierten Gebärde kann diese auch nur einmal ausgeführt werden und anschliessend wird eine produktive Gebärde – der Substitutor für die lexikalisierte Gebärde – an unterschiedlichen Loki ausgeführt:

(a)
HAUS    PROD-sub-Haus-stehen (a-b-c-d: 4x)  00:26-00:28
‘Häuser’

Zunächst wird die Gebärde ‘HAUS’ gebildet und danach wird der entsprechende Substitutor  an unterschiedlichen Loki ausgeführt.

(b)
IX-unten    GARAGE    IX-1(ICH)    DA    DREI   VELO   PROD-sub-Velo-hängen   00:32-01:10
‘In meiner Tiefgarage hängen drei Fahrräder.’

Hier wird zunächst die Gebärde ‘VELO gebildet und danach wird der entsprechende Substitutor an unterschiedlichen Loki ausgeführt.

Um einen Plural zu bilden, kann auch ein Manipulator wiederholt werden:

(c)
MÄDCHEN    FEST    COCA-COLA   PROD-man-trinken (3x)   II   00:43-00:46
‘Dieses Mädchen trinkt ständig Cola.’

In diesem Beispiel wird eine wiederholte Handlung durch die Wiederholung des entsprechenden Manipulators ausgedrückt.

Beide Beispiele (b) und (c) verweisen auf Pluralität; in den Beispielen (a) und (b) handelt es sich um Pluralität einer Namens-/Hauptgebärde («Nomen»), in Beispiel (c) um Pluralität einer Handlung/Aktion.

Es folgen zwei weitere Beispiele von Pluralität einer Handlung/Aktion anhand des Verbs ‘FRAGEN’. Es handelt sich um ein übereinstimmendes Verb, die Grundform kann also modifiziert werden:

(d)
BEIDE-a/b   GEST-viel   a-FRAGEN-b(3x)  < >  b-FRAGEN-a(3x)   II   01:08-01:10 
‘Diese zwei Personen fragen sich gegenseitig abwechselnd ja wirklich sehr viel.’
In Gebärdensprache wird diese Aussage als Handlung/Aktion formuliert, im Deutschen hingegen finden sich eher Nominalisierungen:
‘Zwischen diesen beiden Personen gehen ja unzählige Fragen hin- und her.’

Das Beispiel kann einen Plural (‘FRAGEN’, ‘FRAGEN’, …) enthalten. Es ist aber nicht eindeutig ersichtlich, ob es sich bei der Wiederholung des Verbs wirklich um einen Plural handelt oder ob die Wiederholung eine zeitliche Information (Häufigkeit) enthält.
Zu beachten ist dabei der Kontext. So verweist das Beispiel (e) eher auf eine Häufigkeit, Beispiel (f) eher auf einen Plural:

(e)
BEIDE-a/b   a-FRAGEN-b(2x)  < >  b-FRAGEN-a(2x)    DURCH   II   01:49-01:52
‘Zwischen diesen beiden Personen gehen ständig unzählige Fragen hin- und her.’

Die Gebärde ‘DURCH’ (‘ständig’) verweist eher auf eine wiederholte Handlung im zeitlichen Verlauf, also auf die Häufigkeit der Handlung.

(f)
BEIDE-a/b   a-FRAGEN-b(2x)  < >  b-FRAGEN-a(1x)   GEST-AU   UNGLAUBLICH   II   01:56-01:59
‘Zwischen diesen beiden Personen gehen unzählige Fragen hin- und her, das ist ja unglaublich.’

Dieses Beispiel verweist eher auf einen Plural.

Namens-/Hauptgebärden («Nomen») (Personen, Sachen, Tiere, Ideen) können durch Reduplikation (Wiederholung) in den Plural gesetzt werden. Dabei müssen Bewegung und Ausführungsstelle beachtet werden. Die Ausführungsstelle bietet mehr Modifikationsmöglichkeiten (unterschiedliche Ausführungsstellen) als die Bewegung.

Soll ‘HAUS’ in den Plural gesetzt werden, so kann die Gebärde mehrmals wiederholt werden. Mit einer Wiederholung am selben Ort wird die Bewegung insgesamt jedoch zu lange. Da die Gebärde im Singular im neutralen Raum ausgeführt wird, wird sie zur Pluralbildung an unterschiedlichen Ausführungsstellen wiederholt:

(a)
HAUS-a    HAUS-b    HAUS-c    HAUS-d   00:44-00:47
‘Häuser

Die Gebärde ‘HAUS’ wird an unterschiedlichen Ausführungsstellen wiederholt.

(b)
LAMPE-a    LAMPE-b-c-d-e(4x)   01:01-01:03
‘Lampen

Die Gebärde ‘LAMPE’ wird an unterschiedlichen Ausführungsstellen wiederholt.
Sie könnte auch mit zwei Händen synchron an unterschiedlichen Ausführungsstellen wiederholt werden:

(c)
LAMPE-a(2Hände)    LAMPE-b-c-d(2Hände)3x    01:08-01:10
‘Lampen

Für die Pluralbildung von Gebärden, welche im Singular im neutralen Raum ausgeführt werden, gibt es also zahlreiche Möglichkeiten.

Namens-/Hauptgebärden («Nomen») werden im neutralen Raum verortet mittels Indexierung:

(a) Index (zwei Varianten)
IX(1x bw)   oder   IX (xx bw)   00:17-00:19

Dazu drei Beispiele:

(b)
KATZE   IXa,   00:22-00:23 
‘Die Katze.’

(c)
BÜRO   IXb,   00:23-00:24 
‘Das Büro.’

(d)
IXc   THEMA,  etc.   00:25-00:26 
‘Das Thema.’

Jedes Subjekt in diesen Beispielen steht im Singular.

Zur Pluralbildung werden die Bewegung und die Ausführungsstelle modifiziert: Die Ausführungsstelle nimmt mehr Raum in Anspruch (Ausführung an verschiedenen Loki) und die Bewegung/der Pfad der Bewegung ist länger oder wird wiederholt:

(e)
KATZE   IXa(bw:kreisend)  = Plural   00:53-00:55                                                    ‘Die Katzen.’

(f)
BÜRO   IXb   IXc   IXd  etc.   = Plural   00:56-00:58 
Die Büros.’

(g)
IXc(nach unten bw:4X)   THEMA  = Plural   00:59-01:01                                       ‘Die Themen’.

Expliziter wird der Plural durch das Hinzufügen der folgenden lexikalisierten Gebärde, bei der sich die nach unten orientierte Handfläche in einer horizontalen kreisenden Bewegung im Gegenuhrzeigersinn bewegt:

(h)
IX-(Hf:5) = plural   01:16-01:17                                                                                         Diese Gebärde gibt immer den Plural an.

Dazu folgende Beispiele:

(i)
KATZE   IX-(Hf:5) = plural   01:21-01:23 
‘Die Katzen.

Die zweite Gebärde steht für den Plural, in diesem Beispiel für ‘die Katzen’. Diese Gebärde formt aus den einzelnen Katzen eine Gruppe von Katzen und lokalisiert diese gleichzeitig im Raum.

(j)
KATZE   IX-(Hf:5) = GRUPPE = plural   01:27-01:29 
‘Die Katzen.

In diesem Beispiel wurde noch eine weitere Gebärden hinzugefügt; sie steht ebenfalls für ‘die Katzen’ und formt aus den Individuen noch deutlicher eine Gruppe.

Auch ein einmalig ausgeführter Index kann Pluralität anzeigen:

(k)
KATZE   IX-(Hf:5)    IX(xx bw)  GEST-viel   BRUTAL   SCHLAGEN   IX(1x bw)  II   01:38-01:42 
‘Diese Katzen wurden brutal geschlagen.’

Zuerst werden die Katzen (die Gruppe der Katzen) eingeführt (Subjekt); anschliessend kann auf die Gruppe der Katzen indexiert werden (‘sie’). Auch wenn der Index mit nur einmaliger Bewegung ausgeführt wird, steht er für den Plural, da das Subjekt, auf welches er referenziert, im Plural steht. Das Subjekt muss nicht bei jeder weiteren Erwähnung konkret benannt werden (‘Die Katzen wurden brutal geschlagen. Die Katzen leiden. Die Katzen … .’). Dies wäre viel zu aufwändig. Die Vertretung durch das Pronomen (einmalig ausgeführter Index) ist effizienter (‘Die Katzen wurden brutal geschlagen. Sie leiden. Sie … .’).

Pluralität kann auch ohne das Hinzufügen einer lexikalisierten Gebärde (allgemeiner Plural, Zahlgebärde) gebildet werden. Die Information ist dann aber weniger klar, präzise und ausführlich (jedoch schneller vermittelt), wie die Beispiele (a) und (c) im Vergleich zu den Beispielen (b) und (d) zeigen:

(a)
IX-unten(mb:garage)   IX-1(ICH)    DA   VELO   PROD-sub-Velo-nebenstehend(3x)  II   00:25-00:29
‘In meiner Tiefgarage habe ich (drei) Fahrräder.’

Die drei Substitutoren in diesem Beispiel verweisen zwar darauf, dass es sich um drei Fahrräder handeln kann. Die Aussage bleibt jedoch vage, sie ist nur eindeutig, wenn die Zahlgebärde ‘DREI’ hinzugefügt wird:

(b)
IX-unten(mb:garage)   IX-1(ICH)    DA   DREI   VELO   PROD-sub-Velo-nebenstehend(3x)  II  00:43-00:46
‘In meiner Tiefgarage habe ich drei Fahrräder.’

(c)
IX-unten(mb:garage)   IX-1(ICH)    DA   VELO   PROD-sub-Velo-nebenstehend(3x)  II   00:53-00:56
‘Ich habe stapelweise Bücher.’

Die produktive Gebärde (‘stapelweise’) verweist darauf, dass es sich um sehr viele Bücher handelt. Zusätzlich kann auch die lexikalisierte Gebärde ‘VIEL’ (allgemeiner Plural) hinzugefügt werden:

(d)
IX-1(ICH)    DA    VIEL-b    BUCH+    PROD-mass-buch-häufchen(3x)  II   01:04-01:07
‘Ich habe sehr viele Bücher.’

Beide Beispiele machen klar, dass es sich um sehr viele (‘stapelweise’) Bücher handelt. Beide Möglichkeiten sind passend. Mit dem Hinzufügen einer Zahlgebärde würde die Aussagen präzisiert.

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