Vor der lexikalisierten Gebärde ‚MAL‘ muss eine Zahl stehen. In einem Vergleich folgt auf die Gebärde ‚MAL‘ die Gebärde ‚MEHR‘ beziehungsweise ‚WENIGER‘, eine Eigenschaft und die Gebärde ‚ALS‘ (‚Drei mal mehr X als Y.‘, ‚Drei mal weniger X als Y.‘).

Die lexikalisierte Gebärde ‚WIE‘ bringt Ähnlichkeiten zum Ausdruck (Eigenschaften unterscheiden sich kaum). Ein Vergleich kann sich aber auch auf einen Gegensatz beziehen (Eigenschaften unterscheiden sich maximal). Dafür existieren unterschiedliche lexikalisierte Gebärden wie zum Beispiel die Gebärde ‚GEGENTEIL‘:

Ein Beispiel:

(a)
POSS-1   CHEF   Kopfnicken(1x)  I   FERIEN   ZURÜCK(re-mitte)   AUSSEHEN   GEGENTEIL   VERÄNDERN   I   GESTE(oh)   I   ALS   VORHER   II
00:17-00:25
‚Als mein Chef aus den Ferien zurückkehrte, sah er völlig verändert aus.‘

Die lexikalisierte Gebärde ‚WIE‘ – nicht zu verwechseln mit der Fragegebärde ‚WIE?‘ – leitet einen Vergleich von gleichen Eigenschaften ein. Das Mundbild ‚wie‘ ist dabei fakultativ oder kann durch das Mundbild ‚gleich‘ ersetzt werden.

Durch eine Bewegungsänderung der Gebärde ‚WIE‘ und das Weglassen des Mundbildes wird der Vergleich betont. Es folgt ein Beispiel ohne (a) und eines mit Betonung (b) des Vergleichs:

(a)
POSS-1   KATZE   IX(re)   LAUFEN   WIE   FRAU   MADAM(mb:fräulein)  PROD-MODELLAUFEN   II
00:46-00:53
‚Meine Katze tippelt davon wie eine Dame.‘

(b)
POSS-1   CHEF   IX(oben-links)   AUSSEHEN   WIE(Betonung1x)   POSS-2   SOHN   IX-2   II
00:56-00:59
‚Mein Chef ist deinem Sohn also wirklich wie aus dem Gesicht geschnitten.‘

Die lexikalisierte Gebärde ‚ALS‘ steht immer nach einer Gebärde für eine Eigenschaft wie ‚gross‘, ‚klein‘, ‚schnell‘, ‚langsam‘ usw.

10.22_ALS_Bsp_A

‚ALS‘ kann auch mit den Gebärden ‚MEHR‘ und ‚WENIGER‘ kombiniert werden:

(a) ‚lustiger als‘
00:23-00:25

(b) ‚weniger lustig als‘
00:26-00:28

Die lexikalisierte Gebärde ‚ALS‘ kann modifiziert werden, indem die Bewegung in Richtung zweite Verortung ausgeführt wird.

Nicht modifizierte Gebärde ‚ALS‘

(c)
BUB   IX(rechts)   MÄDCHEN   IX(links)   GROSS(mb:grosser)   ALS   IX(rechts)   II
00:25-00:29
‚Das Mädchen ist grösser als der Junge.‘

Bei Verwendung der nicht modifizierten Gebärde ‚ALS‘ wird auf die beiden zuvor verorteten Referent:innen indexiert.

Modifizierung der Gebärde ‚ALS‘

(d)
BUB   IX(re)   MÄDCHEN   IX(li)   GROSS(mb:grosser)   ALS(links > rechts)   IX(re)
00:37-00:41 
‚Das Mädchen ist grösser als der Junge.‘

In diesem Beispiel verläuft die Bewegung der Gebärde ‚ALS‘ vom Lokus der erstgenannten Referentin (‚Mädchen‘) in Richtung Lokus des zweitgenannten Referenten (‚Junge‘); der Zeigfinger richtet sich also auf den zweiten Referenten aus. Dies macht eine zusätzliche Indexierung auf die beiden Referent:innen überflüssig.

Weglassen der Gebärde ‘ALS’

Die lexikalisierte Gebärde ‘ALS’ kann weggelassen werden, wenn im Vergleich von Massangaben der Unterschied mittels entsprechender Handformen (Höhe, Breite, Länge etc.) visualisiert wird:

(d)
BUB   IX(rechts)   MÄDCHEN   IX(links)   GROSS(li)   PROD-MASS“grösser“(li)   PROD-MASS“kleiner“(re)
00:58-01:01

Der Grössenunterschied wird hier allein durch die unterschiedliche Positionierung der Handform auf der vertikalen Ebene und dem begleitenden Mundbild ‚grösser‘ vermittelt.

Die lexikalisierten Gebärden ‘MEHR’ und ‘WENIGER’ können ein- oder zweihändig ausgeführt werden:

(a) ‘MEHR’
00:03-00:07 

(b) ‘WENIGER’
00:07-00:09

Es gibt auch noch weitere, nicht lexikalisierte Gebärden für die Aussagen ‚mehr‘ und ‚weniger‘, welche jedoch kontextabhängig ausgeführt werden und hier nicht Thema sind.

Im folgenden Beispiel werden die lexikalisierten Gebärden ‘MEHR’ und ‘WENIGER’ benutzt:

(c)
SCHULE   GEBÄUDE(a: re)   GEBÄUDE(b: li)   IXa   MEHR   SCHULE(mb:schüler)   IXb   WENIGER   SCHULE(mb:schüler)  
00:26-00:31 
‚In der Schule A gibt es mehr Schüler:innen als in der Schule B.‘

Vergleiche beider Kategorien werden umgesetzt mittels:
– lexikalisierter Gebärden
– Verortung der (mindestens) zwei Referent:innen im Raum, damit beim Vergleichen auf sie verwiesen werden kann
– nichtmanueller Komponenten

Dazu ein Beispiel, in welchem drei Referent:innen (in der Übersetzung als X, Y, Z bezeichnet) miteinander verglichen werden:

(a)
NMK: schütteln                    bejahen                      schütteln
MK:   IX(a:rechts)               IX(b:mitte)                IX(c:links) KEIN
00:36-00:38
‘X nein (besitzt die Eigenschaft nicht), Y ja (besitzt die Eigenschaft),
Z nicht (besitzt die Eigenschaft nicht).

Das Beispiel zeigt die Kombination aller drei Möglichkeiten gut auf: Die Referent:innen sind im Raum unterschiedlich verortet. Mittels nichtmanueller Komponenten (bejahen/verneinen) und lexikalisierter Gebärden (‘KEIN’, kombiniert mit nichtmanuellen Komponenten) wird erklärt, welche/r Referent:in die Eigenschaft besitzt und welche/r nicht.

Verschiedene Referent:innen können sich durch den Grad einer Eigenschaft unterscheiden. In folgendem Beispiel werden unterschiedliche Referent:innen anhand des Grades der Farbe rot miteinander verglichen; dazu werden sie an unterschiedlichen Orten im Raum platziert:

(a)
POSS-1   BUCH   PROD-BUCHDECKEL   ROT   –LEUCHTEND   ALS   ANDERS(re:++)   II
00:20-00:24
Der Umschlag meines Buches ist viel roter als diejenigen anderer Bücher.

10.02_Eigenschaften

Sowohl für das Vergleichen des Grades einer Eigenschaft sowie für das Vergleichen von unterschiedlichen/entgegengesetzten Eigenschaften existieren einige lexikalisierte Gebärden.

Die Nutzung des Raums setzt mindestens zwei Referent:innen voraus, die miteinander verglichen werden. Die Referent:innen werden zunächst an unterschiedlichen Orten im Raum platziert und können anschliessend miteinander verglichen werden (ein typischer räumlicher Kontrast ist der zur linken und rechten Seite des Gebärdenraums). Um sie korrekt voneinander abzugrenzen, muss auf die entsprechenden, zuvor bestimmten Loki Bezug genommen werden.

Die Referent:innen können sowohl auf einer horizontalen wie auch auf einer vertikalen Ebene vor der gebärdenden Person verortet werden:

Verortung auf horizontaler Ebene


Verortung auf vertikaler Ebene

Zur Verortung auf der vertikalen Ebene ein Beispiel, in welchem unterschiedliche Regierungsformen miteinander verglichen werden:

(a)
POLITISCHES SYSTEM
SPALTE(vertikal-rechts)   DIKTATUR   SPALTE(vertikal-mitte)   DEMOKRATIE  SPALTE(vertikal-links)  KÖNIG   REICH   WIE   IX (vert.-li)  IX (vert.-re)  IX (vert.-mi, -li)
00:44-00:49

Die Diktatur wird auf der linken Seite, die Demokratie vor und die Monarchie rechts der gebärdenden Person verortet. Anschliessend können die unterschiedlichen Regierungsformen miteinander verglichen werden, indem auf die entsprechenden Loki verwiesen wird.

Eine weitere Möglichkeit, einen Vergleich anzuzeigen, besteht darin, den Oberkörper zu verlagern (transversal von rechts nach links oder sagittal von hinten nach vorne) und die Gebärden jeweils an jenem Ort im Raum auszuführen, an welchem der/die Referent:in zuvor verortet wurde. Die Verlagerung des Oberkörpers auf der Sagittalebene kommt bei Zeitangaben zur Anwendung. Dazu ein Beispiel, in welchem auf eine Epoche Bezug genommen wird:

(b)
KÖNIG  IX(vert.-rechts)  VERGANGENHEIT   KEIN(Oberkörper:hinten) ….
01:07-01:09
‚Damals gab es keine Monarchie.‘

Der Oberkörper wird auf der rechten Seite im Gebärdenraum – dort, wo zuvor die Monarchie verortet wurde – zurückgeneigt und die Gebärde ‚KEIN‘ wird auf dieser Seite und in dieser Position ausgeführt.

Im Folgenden geht es um das Vergleichen, also das Aufzeigen von Gemeinsamkeiten, Gegensätzen oder Unterschieden zwischen verschiedenen Qualitäten und Quantitäten von Personen, Gegenständen, Ideen, von Raum oder Zeit. Dabei kann auf unterschiedliche beziehungsweise entgegengesetzte Eigenschaften fokussiert werden (z.B. Thema Farbe: X ist rot, Y ist grün) oder aber auf den unterschiedlichen Grad einer Eigenschaft (Stärke der Farbe rot: X ist rot, Y ist knallrot).

Beide Kategorien von Vergleichen können nutzen:
– lexikalisierte Gebärden
– die Anordnung der im Raum und die entsprechende Indexierung
– und/oder nichtmanuelle Komponenten

Namensgebärden haben für die sprachlich-kulturelle Minderheit gehörloser Personen einen enorm hohen Stellenwert. Sie schaffen Identität und bestätigen die Zugehörigkeit zur dieser Gemeinschaft.

Jede Namensschöpfung braucht ihre Zeit, denn sie muss erst durch unterschiedliche Quallen, wie oben beschrieben, inspiriert werden.

Immer mehr hörende Personen, welche im Gehörlosenwesen aktiv sind, sind ebenfalls an einer Namensgebärde interessiert. Dies braucht aber auch Zeit und Geduld und es muss respektiert werden, dass die Namenschöpfung voraussetzt, dass sich hörende und gehörlose Personen erst gegenseitig kennenlernen, bei der Arbeit gemeinsam Zeit verbringen, im Austausch sind und dadurch Vertrauen aufgebaut werden kann.

Hörende, nicht im Gehörlosenwesen tätige Personen, erhalten dann Namensgebärden, wenn sie für gehörlose Personen von Bedeutung sind (öffentliche Personen, Informationsquellen). Sie wissen aber nicht über ihre Namensgebärden Bescheid, diese dienen nur dazu, dass sie für die Gemeinschaft der Gehörlosen identifizierbar sind.

Das Bekunden von Respekt, eine wertschätzende Haltung und Geduld sind wichtige Voraussetzungen für das Erhalten einer Namensgebärde.

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