Lexikalisierte Namens-/Hauptgebärden oder «Nomen», welche nicht die oben beschriebenen Kriterien erfüllen (einmalige geradlinige Bewegung oder Zitterbewegung, Ausführungsstelle im neutralen Raum) können nicht auf diese Weise in den Plural gesetzt werden. Zur Pluralbildung wird in diesen Fällen eine lexikalisierte Gebärde (allgemeiner Plural oder Zahlgebärde, s. 14.10) oder eine produktive Gebärde (s. 14.20) hinzugefügt. Zentral ist zudem der räumliche Bezug mittels Index, um zwischen Singular- und Pluralform zu unterscheiden.
Bewegungen gibt es unzählige. Zur Pluralbildung von Namens-/Hauptgebärden oder «Nomen» kann die Bewegung der Singularform leicht modifiziert werden.
Grundsätzlich führen alle lexikalisierten Gebärden eine Bewegung aus. Sie lassen sich folgendermassen gruppieren:
(a) einmalig geradlinig
PERSON, KIND, BUCH, THEMA 00:47-00:52
Es gibt lexikalisierte Gebärden, welche eine mehrmalige Bewegung ausführen. Der Pfad der Bewegung kann dabei unterschiedlich sein (geradlinig rauf-runter/hin-und-her, wellenförmig, bogenförmig, kreisförmig, zitternd):
b) mehrmalig geradlinig
HUND, MÄDCHEN, BUB 00:59-01:02
(c) wellenförmig
ELEFANT 01:07-01:08
(d) bogenförmig
HAUS
(e) kreisförmig
VELO 01:15-01:16
(f) zitternd
BAUM 01:20-01:21
Zur Pluralbildung modifiziert werden können nur lexikalisierte Gebärden mit einmaliger geradliniger Bewegung (a), indem die Bewegung wiederholt ausgeführt wird und lexikalisierte Gebärden mit Zitter-Bewegung (f). In beiden Fällen ist die Pluralbildung durch Modifikation der Bewegung nur dann möglich, wenn die Gebärde im Singular im neutralen Raum ausgeführt wird (zum Beispiel ‘THEMA’, ‘KIND’). Bei lexikalisierten Gebärden mit Ausführungsstelle am Körper (zum Beispiel ‘FRAU’, HAASE’) ist dies nicht möglich.
Bei der Pluralbildung durch Modifikation der Ausführungsstelle wird mehr Raum beansprucht. Dazu zwei Beispiele:
(g)
BAUM(zitternd, mit längere Bewegungspfad = plural) 02:38-01:41
‘Bäume’
Die Bäume können von links nach rechts oder von hinten nach vorne im Raum angeordnet werden.
(h)
KIND(mit längere Bewegungspfad = plural) 02:46-02:47
‘Kinder’
Die Kinder werden von links nach rechts im Raum angeordnet.
Da die Gebärden ‘BAUM’ und ‘KIND’ im neutralen Raum ausgeführt werden, kann der Plural durch Modifikation der Bewegung und der Ausführungsstelle gebildet werden. Bei Gebärden, welche am Körper ausgeführt werden, wäre dies nicht möglich.
Namens-/Hauptgebärden oder «Nomen», also lexikalisierte Gebärden für Personen (‘Vater’, ‘Frau’, ‘Tochter’ usw.), Tiere (‘Elefant’, ‘Kuh’, ‘Katze’ usw.), Sachen (‘Ball’, ‘Buch’ usw.) oder Ideen (‘Thema’, ‘Zeit’, ‘Glück’ usw.), stehen immer im Singular.
Zur Pluralbildung werden keine weiteren lexikalisierten Gebärden (allgemeiner Plural) oder Zahlgebärden hinzugefügt. Es gibt eine direktere Möglichkeit dafür. Alle lexikalisierten Gebärden bestehen aus den nichtmanuellen Komponenten Handform, Handstellung, Ausführungsstelle und Bewegung. Im Folgenden werden die Bewegung (und die Ausführungsstelle) genauer betrachtet.
Wird eine produktive Gebärde hinzugefügt, muss diese der Referenz, die sie vertritt, entsprechen. Klassifizierende Handformen für Personen, Tiere, Sachen oder Ideen sehen je unterschiedlich aus. Ein Fahrrad zum Beispiel muss zwingend durch eine flache Hand vertreten werden. Die Handstellung kann dabei je nach Position des Fahrrades (stehend/hängend/liegend) unterschiedlich sein.
Durch das Hinzufügen einer produktiven Gebärde wird einerseits Pluralität angezeigt, andererseits werden damit auch präzisere Informationen zur Situation/zum Kontext vermittelt. Produktive Gebärden können mit lexikalisierten Gebärden oder Zahlgebärden bei der Bildung von Pluralität kombiniert werden.
In folgenden drei Beispielen werden die unterschiedlichen Möglichkeiten verglichen:
a) allgemeiner Plural, ohne Hinzufügen einer produktiven Gebärde
IX-1(ICH) DA EINIGE VELO II 00:32-00:35
‘Ich besitze ein paar Fahrräder.’
b) Plural mit Angabe der Anzahl
IX-1(ICH) DA DREI VELO II 00:39- 00:55
‘Ich besitze drei Fahrräder.’
Im folgenden Beispiel wird eine produktive Gebärde hinzugefügt und damit werden zusätzlich spezifische Informationen vermittelt:
c) Plural mit Hinzufügen einer produktiven Gebärde; Vermittlung von spezifischeren Informationen
IX-unten GARAGE IX-1(ICH) DA DREI VELO PROD-sub-Velo-hängen II 00:51-00:42
‘In der Tiefgarage hängen meine drei Fahrräder nebeneinander.’
Mit den drei produktiven Gebärden in Beispiel (c) (ein Substitutor gebildet mit der dominanten Hand für das erste Fahrrad, zwei Substitutoren gebildet mit der nicht dominanten Hand für das zweite und dritte Fahrrad) werden sowohl Informationen zur Anzahl der Fahrräder als auch zu ihrer Lage (aufgehängt nebeneinander) vermittelt.
Nachfolgend noch einmal je ein Beispiel zu den unterschiedlichen Spezifizierungsgraden:
h) Allgemeiner Plural
IX-1(ICH) DA VIEL-c KOLLEGE II 00:09-00:11
‘Ich habe viele Kolleg:innen.’
Die lexikalisierte Gebärde ‘VIEL’ drückt Pluralität aus, sagt aber nichts über die genaue Anzahl aus.
i) Plural mit Angabe der Anzahl
IX-1(ICH) DA FÜNF GUT-WIRKLICH KOLLEGE II 00:21-00:24
‘Ich habe fünf wirklich gute Kolleg:innen’.
Die Zahlgebärde ‘FÜNF’ gibt die genaue Anzahl Personen und damit Pluralität an. Die Aussage ist spezifischer als die Aussage in Beispiel (h).
j) Plural mit Angabe der Anzahl und Angabe der Menge/Einheit
IX-1(ICH) DA FÜNF GUT-WIRKLICH KOLLEGE FÜNF-IXalle IX-4/5(zwei davon) BESTE II 00:33-00:38
‘Ich habe fünf wirklich gute Kolleg:innen. Zwei davon sind meine besten Kolleg:innen.’
Diese Aussage ist noch spezifischer als die Aussage in Beispiel (i): Aus der Gruppe der fünf guten Kolleg:innen werden zwei speziell hervorgehoben und als beste Kolleg:innen
Es existieren einige lexikalisierte Gebärden, welche Pluralität ausdrücken. Wie spezifisch die Aussage zur Pluralität ist, kann jedoch unterschiedlich sein (allgemeiner Plural, Angabe der Anzahl, Angabe der Menge/Einheit). Dementsprechend lassen sich die lexikalisierten Gebärden drei Kategorien zuordnen:
Allgemeiner Plural (ohne Angabe von Anzahl und Menge/Einheit)
(a)
VIEL-a, VIEL-b, VIEL-c, 00:09-00:12
‘viel/e’ (unterschiedliche Varianten)
(b)
WENIG 00:12-00:13
‘wenig/e’
‘Wenig’ gibt ebenfalls Pluralität an. Auch wenn damit keine grosse Menge gemeint ist, so doch etwas mehr als nur ein/e Person, Tier, Sache oder Idee.
(c)
ALLE, EIN-PAAR, VERSCHIEDEN 00:21-00:25
‘alle’, ‘ein paar’, ‘verschiedene’
Alle diese lexikalisierten Gebärden drücken einen allgemeinen Plural aus, geben jedoch keine Auskunft über die genaue Anzahl an Personen, Tieren, Sachen oder Ideen. Die präzise Anzahl wird durch das Hinzufügen von lexikalisierten Zahlgebärden ersichtlich, wie die Beispiele (d) und (e) zeigen:
Plural mit Angabe der Anzahl
(d)
DREI AUTO 00:49-00:50
‘Drei Autos’
(e)
FÜNFZEHN GABEL 00:51-00:52
‘Fünfzehn Gabeln’
Soll zusätzlich noch angegeben werden, um welche Menge/wie viele Einheiten es sich handelt, so werden noch weitere lexikalisierte Gebärden hinzugefügt:
Plural mit Angabe der Anzahl und Angabe der Menge/Einheit
(f)
DREI KILO ZUCKER 01:-06-01:09
‘Drei Kilo Zucker’
(g)
DREI LÖFFEL ZUCKER 00:49-00:50
‘Drei Löffel Zucker’
Die Gebärden ‘DREI’ und ‘ZUCKER’ allein wären für eine präzise Angabe (‘drei Kilo’, ‘drei Löffel’) nicht ausreichend. Dazu braucht es eine zusätzliche lexikalisierte Gebärde. Je mehr lexikalisierte Gebärden hinzugefügt werden (Anzahl, Menge/Einheit), desto spezifischer wird die Pluralität angegeben.
Plural oder Pluralität bedeutet, dass etwas (ein/e Person, Sache, Tier, Idee oder Handlung/Aktion) mehrmals vorhanden ist bzw. ausgeführt wird. In der Gebärdensprache gibt es verschiedene Möglichkeiten, um Pluralität auszudrücken. Durch:
Der Konsonant H wird nicht erläutert, da er nicht ablesbar ist.
Stehen die Konsonanten G und K am Anfang eines Wortes, so ist der Mund zu Beginn bereits leicht geöffnet und öffnet sich anschliessend noch etwas mehr. Stehen sie am Schluss eines Wortes, so schliesst sich der Mund etwas. Letzteres ist auch bei den Konsonanten CK, NK und NG der Fall.
Der Konsonant L wird durch die Zungenstellung sichtbar. Die Zungenspitze drückt sich dabei an die obere Zahnreihe im Mundraum. Das R kann entweder mit der Zungenspitze oder im Gaumen gebildet werden. Früher wurde gehörlosen Kindern das Zungenspitzen-R beigebracht, heute ist das nicht mehr so, beide Formen sind zulässig.
Wird das R ähnlich wie ein L gebildet, so kann es besser abgelesen werden. Es gibt Personen, welche die Zunge beim Bilden des L so stark hinausstrecken, dass die Zungenspitze einen Punkt oberhalb der Oberlippe berührt. Dies ist nicht nötig.
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