Um die Konsonanten S und C besser voneinander unterscheiden zu können, wird beim S der Kiefer oft etwas nach vorne geschoben. Bei SP muss beachtet werden, dass sich dies aus SCH und P zusammensetzt und auf dem Mundbild auch entsprechend abgebildet wird (‚sch-pielen‘, nicht ‚s-pielen‘). Der erste Teil von SP entspricht also dem Mundbild von SCH.

Um die Mundbilder der Konsonanten B, P und M unterscheiden zu können, wird der Lippenverschluss je unterschiedlich ausgeführt. Beim B werden die Lippen leicht geschlossen und anschliessend wieder leicht geöffnet. Im Gegensatz dazu erfolgen der Lippenverschluss (Lippen werden zusammengepresst) und das anschliessende Öffnen der Lippen beim P stärker. Beim M werden die Lippen nur zusammengepresst.

Im Vergleich zur Artikulation von Vokalen wird der Mund bei Konsonanten nicht so weit geöffnet, was dazu führt, dass Konsonanten weniger gut ablesbar sind. Es gibt viele Konsonanten und viele lassen sich in Gruppen mit ähnlichen Mundbildern einteilen. Um diese dennoch unterscheiden zu können, werden ebenfalls bestimmte Techniken angewendet. Wie bei den Vokalen auch werden Konsonanten am Anfang und am Endes eines Wortes gedehnt.

Dass beim Gebärden überhaupt Mundbilder eingesetzt werden, ist auf die langanhaltende lautsprachorientierte Tradition der Schulung gehörloser Menschen zurückzuführen. Gehörlose ihrerseits haben eigene Techniken entwickelt, um klare, deutliche und verständliche Mundbilder zu erzeugen. Es lassen sich dabei zwei Techniken unterscheiden: Die eine dient der Bildung von Mundbildern für Vokale und die andere der Bildung von Mundbildern für Konsonanten.

Alle Wörter beinhalten Vokale (A, E, I, O, U). Sie sind sehr wichtig, aber auch sehr einfach abzulesen, da sich der Mund beim Artikulieren öffnet. Bei der Artikulation der vielen Konsonanten hingegen ist der Mund geschlossener und die Mundbewegungen sind kleiner; Konsonanten sind daher schwieriger abzulesen. Für das Verständnis eines Mundbildes/eines Wortes sind die Vokale daher umso wichtiger.

Es kann beobachtet werden, dass die Art und Weise, wie Vokale gebildet werden, von ihrer Stellung innerhalb eines Wortes abhängt. Am Anfang, aber oft auch am Ende werden Vokale langsamer und deutlicher ausgeführt als in der Mitte eines Wortes. So z.B. beim Mundbild ‘a–ut-o’. Das etwas ausgeprägtere A lässt Zeit, den Anfang korrekt zu erfassen. Andernfalls könnte das ganze Wort verpasst werden. Diese Technik wird bei allen Vokalen angewendet.

Um die einzelnen Vokale gut voneinander unterscheiden zu können, werden weitere Techniken genutzt: Beim A öffnet sich der ganze Mund. Beim E wird das Kinn oft etwas nach vorne geschoben, beim I werden die Wangen nach oben gezogen, so lassen sich diese beiden Vokale gut unterscheiden. Zur Unterscheidung von O und U wird das Kinn beim U ebenfalls etwas nach vorne geschoben.

Mundbilder und Mundformen lassen sich nicht immer klar auseinanderhalten. Sie beeinflussen sich gegenseitig und können sich in einer Aussage überlagern, wie folgende Beispiele zeigen:

a)
FRAU  IX-3   KOMMEN   LÄUTEN   IX-3
‚Die Frau kommt und läutet.‘

Dieses Beispiel enthält fünf Gebärden und die zwei Mundbilder ‚Frau‘ und ‚läuten‘.

b)
FRAU  IX-3   KOMMEN   LÄUTEN   IX-3
‚Die Frau kommt und läutet.‘

In diesem Beispiel werden ebenfalls die Mundbilder ‚Frau‘ und ‚läuten‘ benutzt; zusätzlich wird die gesamte Aussage von einer Mundform begleitet, welche Überraschung/Erstaunen über das Geschehen ausdrückt (‚wer ist die Frau?‘, ‚warum kommt und läutet sie?‘).

c)
FRAU  IX-3   KOMMEN   LÄUTEN   IX-3
‚Die Frau kommt und läutet.‘

Auch in diesem Beispiel werden die Mundbilder ‚Frau‘ und ‚läuten‘ benutzt; zusätzlich wird die gesamte Aussage von einer Mundform begleitet, die ausdrückt, dass die Frau in Eile ist und das Geschehen gerade jetzt passiert.

Nebst den erläuterten Mundformen existieren dynamische Mundformen, welche eine Handlung noch detaillierter beschreiben.

Zunächst ein Beispiel ohne dynamische Mundform:

(a)
AUTO   PROD-AUTOFAHREN-KURVIG-STEIL-HINAUF (mf:VIEL)  II   00:24-00:28
‚Ein Auto fährt eine kurvenreiche und steile Strasse hinauf.‘

Als Vergleich dazu einige Beispiele mit dynamischen Mundformen, welche den genauen Bewegungsablauf aufzeigen:

(b)
AUTO   PROD-AUTOFAHREN-KURVE-ÜBERSCHLAGEN(mf:BA-BA-BA)  II   00:43-00:46
‚Ein Auto überschlägt sich in einer Rechtskurve und schlägt mehrmals auf der rechten Längsseite auf.‘

(c)
IX-1(ICH)   AUTO   BREMSEN   PROD-RAD-RUCKELN(mf:BS-BS-BS00:55-00:59
‚Ich mache eine Vollbremsung, so dass die Räder ins Stottern geraten.‘

 

(d)
BALL   PROD-BALL-AUFSCHLAGEN-BODEN(mf:PA-PA-PA)   01:05-01:08
‚Der Ball schlägt mehrmals auf dem Boden auf.‘

 

(e)
BLITZ(2h) PROD-BLITZ_ENTADEN(mf: B-B-B)   01:09-01:13
‚Es entladen sich zahlreiche heftige Blitze.‘

 

Mundformen können Eigenschaften (Personen, Dinge, Formen) noch näher beschreiben.
Dazu ein Beispiel:

(a)
EIN(mb:ein)   FRAU(mb:frau)   IX-3   DÜNN(mf:SO-DÜNN)   PROD-CATWALK(mf:STOLZ)  II  00:23-00:26
‚Diese äusserst schlanke Frau läuft wie auf einem Laufsteg.‘

Zur Präzisierung der Eigenschaften werden hier spezifische Mundformen benutzt. Ohne Mundform ergäbe sich lediglich die Aussage:

 

(b)
EIN   FRAU(mb:frau)   IX-3   DÜNN(mb:dünn)  GEHEN(mb:laufen)     00:47-00:50
‚Die schlanke Frau läuft …  .‘

In den Beispielen des Kapitels Verwendung von Mundformen handelte es sich jeweils um ein einfaches Verb. Durch das Hinzufügen einer Mundform zu einem einfachen Verb wird die Art und Weise der Handlung differenziert: Das Arbeiten fand in gewohnter Art und Weise/in gewohntem Umfang statt/war nicht anstrengend oder aber es war streng oder es war lustlos/nicht motiviert.

Produktive Verbformen (substitutive, manipulative, massanzeigende, skizzierende, stempelnde Technik), welche eine Aktion/Handlung präziser beschreiben, nutzen dazu oft eine Mundform. Folgende Beispiele zeigen, wie die Art und Weise einer Aktion/Handlung damit differenziert werden kann:

 

(a) 00:58-01:03 
Die verschiedenen Mundformen zum Manipulator ‘TÜRE ÖFFNEN’ geben an, wie unterschiedlich streng das Öffnen einer Tür sein kann.

 

(b) 01:11-01:17
Die unterschiedlichen Mundformen zum Substitutor ‚AUTO FAHREN‘ geben darüber Auskunft, wie ein Auto eine kurvenreiche Bergstrasse aufwärtsfahren kann (in normalem Tempo, schnell, sich mehr oder weniger stark in die Kurve legend).

Auch Orts- und Pfadverben können von Mundformen begleitet werden, um zusätzliche Informationen zu vermitteln:

 

(c)
IX-1(ich)   IXa   LUZERN   IXb –PENDELN(mf:VIEL)-IXa  II   01:29-01:32
‘Ich gehe sehr oft nach Luzern.’
Die Mundform steht hier für ‚sehr viel/sehr oft‘.

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