Fliessend ausgeführtes Fingeralphabet wird zum Beispiel oft benutzt für Akronyme (Abkürzungen) (politische Parteien, öffentlicher Verkehr, etc.), die im alltäglichen Leben von Bedeutung sind. Das fliessende Buchstabieren von solch gebräuchlichen Akronymen hat nicht mehr die Funktion eines Hilfsmittels, sondern von lexikalisierten Gebärden, welche zu festen, wiederkehrenden Bestandteilen der DSGS geworden sind. Beispiele dafür finden sich in den folgenden Kapiteln.

Vom Akronym (Abkürzung) zur lexikalisierten Gebärde

(a) S-B-B ->S-B
Frage: ______________j/n?
IX-2(du)  DA FA:SB(flüchtig-schnell) ABO IX-2(du) II
Antwort:
KLAR IX-1(ich) DA FA:SB(flüchtig-schnell) ABO II
‘Hast du ein SBB-ABO? Ja, klar hab ich ein SBB-ABO.’
00:30-00:36 

Das Akronym ‘SBB’ wird fliessend buchstabiert, wobei ein ‘B’ weggelassen wird. Diese Komprimierung macht die Abkürzung S-B zu einer lexikalisierten Gebärde (glossiert als SBB). In dieser komprimierten Form wird sie wie eine Gebärde produziert und wahrgenommen.

Wird ein Begriff während des Gebärdens fliessend und in schnellem Tempo ausgeführt, wird nicht zwingend jeder Buchstabe dargestellt, sondern oft nur der erste und der letzte. Ein nicht vollständig buchstabiertes Wort wird aufgrund des Bewegungsablaufs verstanden, vorausgesetzt, das Wort wurde im Gespräch schon einmal verwendet oder die gebärdende Person geht davon aus, dass es dem/der Adressat:in bereits vertraut ist.

Der Unterarm bleibt während des fliessenden Buchstabierens ruhig. Es wird keine Vorwärtsbewegung bei jedem Buchstaben und keine Wanderbewegung nach rechts beziehungsweise links ausgeführt und die Handfläche zeigt mehrheitlich nach vorne, auch bei Buchstaben, bei denen die Handfläche sonst nach rechts beziehungsweise nach links zeigt, das Handgelenk rotiert in diesen Fällen also weniger.

Fliessend gefingert werden zum Beispiel häufig verwendete und bereits bekannte Namen (Namen von Personen, Namen von nicht bekannten Ortschaften, für die keine entsprechende Gebärde existieren, Städtenamen, Namen von Bergen, Flüssen etc., Firmennamen, Namen von Läden und Geschäften) oder Abkürzungen (zum Beispiel öffentlicher Verkehr oder politische Parteien). Dazu ein Beispiel:

(a) Fliessendes Buchstabieren: ‚EBIKON‘
ICH WOHNEN IXa FA:EBIKON(fliessend) II
‘Ich wohne in Ebikon.’
00:00-00:07 
Ebikon wurde hier fliessend buchstabiert. Bei einer Rückfrage zur exakten Schreibweise könnte das Wort jedoch langsam und deutlich buchstabiert werden, bevor weiter gebärdet wird:

(b) Langsames, deutliches Buchstabieren: ‚E-B-I-K-O-N‘
FA: E-B-I-K-O-N
00:12-00:16 

Die Anpassung der Ausführungsbewegung und ihres Tempos erfolgt jeweils aufgrund der Reaktion des Gegenübers, welches Verstehen beziehungsweise Nichtverstehen signalisiert.

Eine langsame Ausführung jedes Buchstabens weist darauf hin, dass die korrekte Schreibweise zum Beispiel eines Fremdwortes oder eines Fachbegriffs vermittelt und erfasst werden soll.

Bereits bekannte Begriffe hingegen werden während des Gebärdens fliessend ausgeführt. Dieses fliessende Buchstabieren ist zu verstehen als Element einer Kontaktsprache zwischen einer Gebärdensprache und einer Schriftsprache. Personen, welche die Gebärdensprache benutzen, haben oft Kontakt mit anderen Sprachen und passen sich mit der Übernahme des gefingerten Fremdworts in die eigene Gebärdensprache dieser anderen Sprache an.

Das Fingeralphabet ist aber auch Teil der Gebärdensprache geworden, in dem es diese auf unterschiedliche Art und Weise beeinflusst hat. Nach welchen Kriterien dies geschieht, wird in den folgenden Kapiteln aufgezeigt.

Die Bewegung beim Ausführen des Fingeralphabets kann unterschiedlich sein. Eine langsame Ausführung jeder einzelnen Handkonfiguration verweist auf das deutliche Buchstabieren eines Wortes; die einzelnen Buchstaben werden aneinandergereiht. Jede Handkonfiguration wird dabei mit einer leichten Vorwärtsbewegung des Unterarms ausgeführt und dieser wandert oft mit jedem neuen Buchstaben etwas nach rechts beziehungsweise nach links. Zur Veranschaulichung ein Beispiel mit dem buchstabierten Wort ‚Bilanz‘:

(a) Langsames, deutliches Buchstabieren: ‚B-I-L-A-N-Z‘
FA: B-I-L-A-N-Z
00:28-00:33 
Alle Buchstaben werden voneinander abgegrenzt, indem jeder einzelne Buchstabe langsam und deutlich ausgeführt wird, analog dem Buchstabieren eines Wortes in der gesprochenen Sprache, so dass die exakte Schreibweise des Wortes erfasst werden kann.

Ein Wort kann aber auch fliessend buchstabiert werden, wie folgendes Beispiel zeigt:

(b) Fliessendes Buchstabieren: ‚BILANZ‘
FA: BILANZ (fliessend)
00:43-00:44
Hier werden die Buchstaben nicht voneinander abgegrenzt, es wird nicht exakt Buchstabe um Buchstabe dargestellt; die einzelnen Buchstaben fliessen ineinander über.

Auf die Bedeutung der unterschiedlichen Bewegungsausführungen (Tempo, Fluss) eines gefingerten Wortes während des Gebärdens wird im Folgenden genauer eingegangen.

Das Fingeralphabet, das dem in anderen deutschsprachigen Ländern verwendeten ähnlich ist, wurde in der Schweiz von den Gebärdenden der DSGS in der Zeit zwischen 1975 und 1980 eingeführt. Es war von Beginn an lediglich als Hilfsmittel zur Darstellung der Schreibweise von Wörtern gedacht und wurde nur in Ausnahmefällen benutzt, wenn die Schreibweise eines Wortes nicht abgelesen werden konnte. In dieser Funktion handelt es sich beim Fingeralphabet – auch heute noch – also um eine Form der Umstellung auf ein Wort aus der geschriebenen beziehungsweise gesprochenen Sprache. Es wurde und wird oft für Begriffe verwendet, für die es keine konventionalisierten Gebärden gibt (u.a. für Personen- oder Ortsnamen oder Fachbegriffe, die entweder neu sind oder in der örtlichen Gehörlosengemeinschaft nicht oft verwendet werden).

Heute wird das das Fingeralphabet von allen Benutzenden der DSGS auf verschiedene Weise verwendet. Nun stellt sich die Frage, ob es sich dabei immer noch nur um ein Hilfsmittel handelt oder ob es Teil der Gebärdensprache geworden ist. Welche Überschneidungen beziehungsweise Berührungspunkte zwischen Fingeralphabet und Gebärdensprache es heute gibt, welche Funktionen das Fingeralphabet heute übernimmt, wird im Folgenden aufgezeigt.

Zu erwähnen ist an dieser Stelle die Abneigung der DSGS-Gemeinschaft gegen das Buchstabieren aus verschiedenen historischen und individuellen Gründen (u.a. Abwertung der Gebärdensprache gegenüber der Lautsprache).

Es gibt lexikalisierte Gebärden, welche gebildet wurden durch die Kombination des ersten Buchstabens eines deutschen Wortes mit bestimmten manuellen Komponenten, wie folgende Beispiele zeigen. Voraussetzung für ihre Integration als lexikalisierte Gebärden in die DSGS ist die Akzeptanz der Gemeinschaft der DSGS-Nutzenden.

Einhändige Gebärden

(a) ‚G‘ -> ‚GYMNASIUM‘
00:14-00:15

(b) ‚U‘ -> ‚UNIVERSITÄT‘
00:16-00:17


Zweihändige synchrone Gebärden

(c) ‚T‘ -> ‚TEAM‘
00:22-00:23

(d) ‚V‘ ->‚VEREIN‘
00:25-00:26
Gebärde ‚ VEREIN ‘.

(e) ‚K‘ -> ‚KURS‘
00:27-00:29


Zweihändige asynchrone Gebärden

(f) ‚K‘ -> ‚KONZEPT‘
00:31-00:33

(g) ‚C‘ -> ‚CURRICULUM‘
00:33-00:34

Das Fingeralphabet ist ein Hilfsmittel, welches auf der Schriftsprache basiert und dazu dient, die einzelnen Buchstaben eines Wortes/des Alphabets mit unterschiedlichen Handkonfigurationen nachzubilden. Die Schreibweise eines Wortes jeder beliebigen Sprache kann auf diese Weise buchstabiert und somit vom Gegenüber besser abgelesen und erfasst werden.

Unterschiedliche Länder haben ähnliche oder auch ganz unterschiedliche Systeme von Fingeralphabeten entwickelt; es existieren sowohl einhändige wie auch zweihändige Fingeralphabete.
Auf folgendem Bild ist das Fingeralphabet der deutschen Schweiz dargestellt. Es findet unterschiedliche Verwendung und hat sich im Laufe der Zeit in gewisser Weise in die DSGS integriert. Wie es dazu gekommen ist, dass ein Hilfsmittel wie das Fingeralphabet eine natürliche Sprache wie die DSGS beeinflusst und zu geringfügigen Veränderungen der DSGS geführt hat, wird im Folgenden erläutert.

Skip to content