Es gibt drei Techniken, um anwesende oder abwesende beziehungsweise abstrakte Referent:innen im topografischen Raum zu lokalisieren: Die horizontale Verortung, die vertikale Verortung und die globale Verortung.
(Beachte, dass Personalpronomen im Singular ebenfalls auf einer horizontalen Ebene angezeigt werden, was jedoch nichts mit dem topografischen Raum zu tun hat.)
Der Gebärdenraum wird dann als topografischer Raum bezeichnet, wenn die gebärdende Person die Vorstellung einer Landkarte (zweidimensional, vertikal oder horizontal) oder einer Weltkugel (dreidimensional) auf den Gebärdenraum projiziert und darauf die Referent:innen abbildet. Die Verortung der Referent:innen, ihre Beziehungen zueinander und die Grössenverhältnisse entsprechen den Positionen und Verhältnissen im tatsächlichen Ereignis. Die gebärdende Person kann aber den Massstab variieren und den Raum je nach Perspektive unterschiedlich strukturieren.
Referent:innen (siehe Kapitel 7) werden nicht immer mit dem ausgestreckten Zeigefinger im Raum verortet. Es ist möglich die Handform dem Objekt beziehungsweise einer Gruppe von Objekten mit ähnlichen Eigenschaften wie zum Beispiel ‘Gebäude’ anzugleichen. In folgenden Beispielen werden die Referent:innen durch solch klassifizierende Handformen repräsentiert:
(a) klassifizierende Handform für Haus
PROD-stehen(Haus) 00:22
(b) klassifizierende Handform für Frau
PROD-stehen(Frau) 00:24
(c) klassifizierende Handform für Auto
PROD-stehen(Auto) 00:26
Weil die Finger als Loki verwendet werden, sind Referent:innen eindeutig identifizierbar. Je nach begleitender Mimik, Bewegung und Handform beim Indexieren wird betont, ob exakt diese/r (!) spezifische Referent:in gemeint ist (a) oder aber dass Unsicherheit darüber besteht (b):
(a) Bezeichnung spezifische/r Referent:in durch:
den Finger greifen diese Mimik
ERSTENS-IX-3a(ndH-Daumen) MAMA(dH) | ZWEITENS-IX-3b(ndH-Zeigefinger ndH) PAPA(dH) | DRITTENS-IX-3c(ndH-Mittelfinger) TOCHTER(dH) | VIERTENS-IX-3d(ndH-Ringfinger) HUND(dH) | FÜNFTENS-IX-3e(ndH-Kleiner Finger) NACHBAR KIND(dH) | IX-3pla-e(dH:alle fünf) FÜNF(ndH)REISEN || 00:13-00:23
(b) Bezeichnung unspezifische/r Referent:in durch:
diese Mimik
FÜNFTENS-IX-3 (ndH-Kleiner Finger) 00:13-00:23
Zur Aufzählung mehrerer Referent:innen können die Fingerspitzen der ndH als Loki dienen. Anschliessend kann durch das Antippen dieser ‘Platzhalter’ mit der dH auf die Referent:innen verwiesen werden.
Die Fingerspitzen können verwendet werden, um eine Ordnungsbeziehung (im Sinne von ‘erstens’, ‘zweitens’) auszudrücken, müssen dies aber nicht. Oft wird einfach aufgezeigt, dass mehrere Dinge – ohne Ordnungsbeziehung- erwähnt werden.
(a) Beispiel Viertens
IX-3a(Daumen) MUTTER | IX-3b(Zeigefinger) VATER | IX-3c(Mittelfinger) TOCHTER | IX-3d(Ringfinger) HUND | IX-3e(kleiner Finger) NACHBAR KIND | IX-3a-e(ganze Hand) HEUTE AUSFLUG || 00:14-00:22
‘Alle: Mutter, Vater, Tochter, Hund und das Nachbarkind unternehmen heute gemeinsam einen Ausflug.’
Im folgenden Beispiel wird durch das Antippen des Mittelfingers auf die zuvor identifizierte Person Bezug genommen und erklärt, dass sie krank ist:
(b)
IX-3(Mittelfinger) KRANK || 00:27-00:30
Diese Aufzählungspronomen oder Listenbojen sind praktikabel bis zu einer Anzahl von fünf Referent:innen.
Ab einer Anzahl von sechs wird die Aufzählung folgendermassen weitergeführt:
(c)
SECHSTE PERSON IX-3 oder SECHSTE IX-3(dH-Daumen) || 00:36-00:39
Besitz beziehungsweise Eigentum wird in der Regel durch ein Possessivpronomen gefolgt vom entsprechenden Nomen ausgedrückt (‘meine Mama’):
(a)
POSS-1 MUTTER | POSS-2 MUTTER und POSS-3 MUTTER || 00:08-00:12
Es ist aber auch möglich, das Nomen durch sein Mundbild zu ersetzen und dieses zeitgleich mit dem Possessivpronomen zu produzieren:
(b)
POSS-1(mb:mama) 00:14-00:15
(c)
POSS-1(mb:vater) oder POSS-1(mb:tochter) 00:24-00:25
Diese Kurzformen kommen häufig im Zusammenhang mit familiären Beziehungen zum Tragen.
Die Possessivpronomen (POSS) im Singular sehen folgendermassen aus:
POSS-1 00:11
Handform mit Handfläche auf die Brust (Dt. mein)
POSS-2 00:14-00:16
Handform mit Handfläche und Blick (Dt. dein) auf Gesprächspartner:in gerichtet
POSS-3 00:19-00:20
Handform mit Handfläche (Dt. sein/ihr) seitlich zum Lokus IX3, Blick kurz zu IX3 und zurück zum Gegenüber
Die Possessivpronomen im Plural werden gebildet durch das jeweilige Possessivpronomen im Singular und das Hinzufügen des entsprechenden Personalpronomens (‘mein + wir’, ‘dein + ihr’, ‘sein/ihr + sie):
POSS-1 + IX-1pl 00:36-00:43
Handform mit Handfläche auf Brust + kreisende Bewegung mit Zeigefinger
oder
POSS-1 + IX-1pl(Hf-5) 00:36-00:43
+ kreisende Bewegung mit 1 – Handform (Handfläche nach unten)
POSS-2 + IX-2pl 00:52-00:53
Handform mit Handfläche gegen und Blick auf Gesprächspartner:in gerichtet + kreisende Bewegung mit Zeigefinger
oder
POSS-2 + IX-2pl(Hf-5) 00:52-00:53
+ lateral von links nach rechts
POSS-3 + IX-3pl 01:01-01:04
Handform mit Handfläche seitlich zum Lokus IX3, Blick kurz zu IX3 und zurück zum Gegenüber + kreisende Bewegung mit Zeigefinger
oder
POSS-3 +IX-3pl(Hf-5) 01:01-01:04
+ Handform kreisend und seitlich zum Lokus IX3
Das Bilden oder Unterteilen von Gruppen von Referent:innen geschieht durch die Bewegungsausführung: Es wird die Zahlgebärde mit der entsprechenden Anzahl an ausgestreckten Fingern gebildet, danach schliessen sich die Finger, um den Daumen zu treffen:
(a) FÜNF 00:11-00:12
In folgendem Beispiel wird eine Gruppe bestehend aus zehn Frauen unterteilt in zwei Dreier- und eine Vierergruppe. Zuerst bildet die dH die Gebärde ‘DREI’ mit der Handfläche nach oben, dann modifiziert sie diese zu einer Gruppe, indem sie die Hand leicht nach unten bewegt und die Finger zum Daumen schliesst. Die ndH macht dasselbe mit Modifikationen für eine weitere 3er-Gruppe und tut dies dann noch einmal mit der Gebärde ‘VIER’ (ebenfalls mit der Handfläche nach oben). Diese drei Untergruppen werden an leicht unterschiedlichen Stellen im Raum platziert.:
(b)
IX-3pl ZEHN FRAU IX-3pl | ICH DREI(Gruppe)a DREI(Gruppe)b VIER(Gruppe)c VIER 00:12-00:14
‘Die Gruppe von zehn Frauen habe ich in zwei Dreiergruppen und eine Vierergruppe eingeteilt.’
Auf diese Weise kann zum Beispiel in Gruppenarbeiten eingeführt werden.
Die Art und Weise der Bewegung bei der Ausführung der Zahleninkorporation informiert darüber, ob die gebärdende Person auch in die Gruppe eingeschlossen ist oder ob mehrere Gruppen (‘ihr’ und ‘sie’) zu einer grösseren Gruppe zusammengeschlossen werden.
Im folgenden Beispiel zunächst eine Äusserung im exklusiven Plural, in welchen weder die gebärdende Person noch der/die Adressat:in eingeschlossen sind:
(a) ‘sie/die 5er-Gruppe’ 00:29-00:30
Berührt die kreisende Bewegung der Hand den Oberkörper der gebärdenden Person, dann ist sie in die Gruppe eingeschlossen, es handelt sich also um einen inklusiven Plural:
(b) ‘5er-Gruppe inkl. ich’ 00:31-00:32
Wenn die Bewegung die räumlichen Bezugspositionen sowohl der zweiten als auch der dritten Person einschliesst, dann werden diese als zu einer Gruppe gehörig bezeichnet:
(c) ‘5er Gruppe bestehend aus euch und ihnen’ 00:41-00:42
Wenn die Bewegung der Gebärde eine Berührung mit dem Oberkörper der gebärdenden Person beinhaltet, wird auch diese in die Gruppe einbezogen:
(d) ‘5er Gruppe bestehend aus euch und mir’ 00:48-00:50
Bewegung, Position und Körperkontakt geben somit Auskunft darüber, wer Teil der Gruppe ist. (Inklusiver vs. Exklusiver Plural)
Die Pluralpronomen machen keine Angaben zur genauen Anzahl der enthaltenen Referent:innen. Gruppierungen bis zu fünf können jedoch durch die Inkorporation der entsprechenden Zahl dargestellt werden.
Nachfolgend einige Beispiele, wie diese Inkorporationen ausgeführt werden:
(a)
IX-3pl(Zahl-fünf) 00:20-00:42
Bei Gruppen von über fünf Referent:innen wird die entsprechende Zahlgebärde dem Pluralpronomen vorangestellt: Ein Beispiel:
(b)
SIEBEN IX-3pl
SIEBEN PERSONpl IX-3pl
SIEBEN IX-2pl
SIEBEN PERSONpl IX-3pl