Kapitel 10

Vergleichen

Inhaltverzeichnis

Einführung

Im Folgenden geht es um das Vergleichen, also das Aufzeigen von Gemeinsamkeiten, Gegensätzen oder Unterschieden zwischen verschiedenen Qualitäten und Quantitäten von Personen, Gegenständen, Ideen, von Raum oder Zeit. Dabei kann auf unterschiedliche beziehungsweise entgegengesetzte Eigenschaften fokussiert werden (z.B. Thema Farbe: X ist rot, Y ist grün) oder aber auf den unterschiedlichen Grad einer Eigenschaft (Stärke der Farbe rot: X ist rot, Y ist knallrot).

Beide Kategorien von Vergleichen können nutzen:
– lexikalisierte Gebärden
– die Anordnung der im Raum und die entsprechende Indexierung
– und/oder nichtmanuelle Komponenten

Raumnutzung und Oberkörperhaltung

Die Nutzung des Raums setzt mindestens zwei Referent:innen voraus, die miteinander verglichen werden. Die Referent:innen werden zunächst an unterschiedlichen Orten im Raum platziert und können anschliessend miteinander verglichen werden (ein typischer räumlicher Kontrast ist der zur linken und rechten Seite des Gebärdenraums). Um sie korrekt voneinander abzugrenzen, muss auf die entsprechenden, zuvor bestimmten Loki Bezug genommen werden.

Die Referent:innen können sowohl auf einer horizontalen wie auch auf einer vertikalen Ebene vor der gebärdenden Person verortet werden:

Verortung auf horizontaler Ebene


Verortung auf vertikaler Ebene

Zur Verortung auf der vertikalen Ebene ein Beispiel, in welchem unterschiedliche Regierungsformen miteinander verglichen werden:

(a)
POLITISCHES SYSTEM
SPALTE(vertikal-rechts)   DIKTATUR   SPALTE(vertikal-mitte)   DEMOKRATIE  SPALTE(vertikal-links)  KÖNIG   REICH   WIE   IX (vert.-li)  IX (vert.-re)  IX (vert.-mi, -li)
00:44-00:49

Die Diktatur wird auf der linken Seite, die Demokratie vor und die Monarchie rechts der gebärdenden Person verortet. Anschliessend können die unterschiedlichen Regierungsformen miteinander verglichen werden, indem auf die entsprechenden Loki verwiesen wird.

Eine weitere Möglichkeit, einen Vergleich anzuzeigen, besteht darin, den Oberkörper zu verlagern (transversal von rechts nach links oder sagittal von hinten nach vorne) und die Gebärden jeweils an jenem Ort im Raum auszuführen, an welchem der/die Referent:in zuvor verortet wurde. Die Verlagerung des Oberkörpers auf der Sagittalebene kommt bei Zeitangaben zur Anwendung. Dazu ein Beispiel, in welchem auf eine Epoche Bezug genommen wird:

(b)
KÖNIG  IX(vert.-rechts)  VERGANGENHEIT   KEIN(Oberkörper:hinten) ….
01:07-01:09
‚Damals gab es keine Monarchie.‘

Der Oberkörper wird auf der rechten Seite im Gebärdenraum – dort, wo zuvor die Monarchie verortet wurde – zurückgeneigt und die Gebärde ‚KEIN‘ wird auf dieser Seite und in dieser Position ausgeführt.

Grad einer Eigenschaft vergleichen

Verschiedene Referent:innen können sich durch den Grad einer Eigenschaft unterscheiden. In folgendem Beispiel werden unterschiedliche Referent:innen anhand des Grades der Farbe rot miteinander verglichen; dazu werden sie an unterschiedlichen Orten im Raum platziert:

(a)
POSS-1   BUCH   PROD-BUCHDECKEL   ROT   –LEUCHTEND   ALS   ANDERS(re:++)   II
00:20-00:24
Der Umschlag meines Buches ist viel roter als diejenigen anderer Bücher.

10.02_Eigenschaften

Sowohl für das Vergleichen des Grades einer Eigenschaft sowie für das Vergleichen von unterschiedlichen/entgegengesetzten Eigenschaften existieren einige lexikalisierte Gebärden.

Lexikalisierte Gebärden, Raumnutzung und nichtmanuelle Komponenten

Vergleiche beider Kategorien werden umgesetzt mittels:
– lexikalisierter Gebärden
– Verortung der (mindestens) zwei Referent:innen im Raum, damit beim Vergleichen auf sie verwiesen werden kann
– nichtmanueller Komponenten

Dazu ein Beispiel, in welchem drei Referent:innen (in der Übersetzung als X, Y, Z bezeichnet) miteinander verglichen werden:

(a)
NMK: schütteln                    bejahen                      schütteln
MK:   IX(a:rechts)               IX(b:mitte)                IX(c:links) KEIN
00:36-00:38
‘X nein (besitzt die Eigenschaft nicht), Y ja (besitzt die Eigenschaft),
Z nicht (besitzt die Eigenschaft nicht).

Das Beispiel zeigt die Kombination aller drei Möglichkeiten gut auf: Die Referent:innen sind im Raum unterschiedlich verortet. Mittels nichtmanueller Komponenten (bejahen/verneinen) und lexikalisierter Gebärden (‘KEIN’, kombiniert mit nichtmanuellen Komponenten) wird erklärt, welche/r Referent:in die Eigenschaft besitzt und welche/r nicht.

Lexikalisierte Gebärden

Die Gebärden ‘MEHR’ und ‘WENIGER’

Die lexikalisierten Gebärden ‘MEHR’ und ‘WENIGER’ können ein- oder zweihändig ausgeführt werden:

(a) ‘MEHR’
00:03-00:07 

(b) ‘WENIGER’
00:07-00:09

Es gibt auch noch weitere, nicht lexikalisierte Gebärden für die Aussagen ‚mehr‘ und ‚weniger‘, welche jedoch kontextabhängig ausgeführt werden und hier nicht Thema sind.

Im folgenden Beispiel werden die lexikalisierten Gebärden ‘MEHR’ und ‘WENIGER’ benutzt:

(c)
SCHULE   GEBÄUDE(a: re)   GEBÄUDE(b: li)   IXa   MEHR   SCHULE(mb:schüler)   IXb   WENIGER   SCHULE(mb:schüler)  
00:26-00:31 
‚In der Schule A gibt es mehr Schüler:innen als in der Schule B.‘

Die Gebärde ‘ALS’ für ungleiche Eigenschaften

Die lexikalisierte Gebärde ‚ALS‘ steht immer nach einer Gebärde für eine Eigenschaft wie ‚gross‘, ‚klein‘, ‚schnell‘, ‚langsam‘ usw.

10.22_ALS_Bsp_A

‚ALS‘ kann auch mit den Gebärden ‚MEHR‘ und ‚WENIGER‘ kombiniert werden:

(a) ‚lustiger als‘
00:23-00:25

(b) ‚weniger lustig als‘
00:26-00:28

Die lexikalisierte Gebärde ‚ALS‘ kann modifiziert werden, indem die Bewegung in Richtung zweite Verortung ausgeführt wird.

Nicht modifizierte Gebärde ‚ALS‘

(c)
BUB   IX(rechts)   MÄDCHEN   IX(links)   GROSS(mb:grosser)   ALS   IX(rechts)   II
00:25-00:29
‚Das Mädchen ist grösser als der Junge.‘

Bei Verwendung der nicht modifizierten Gebärde ‚ALS‘ wird auf die beiden zuvor verorteten Referent:innen indexiert.

Modifizierung der Gebärde ‚ALS‘

(d)
BUB   IX(re)   MÄDCHEN   IX(li)   GROSS(mb:grosser)   ALS(links > rechts)   IX(re)
00:37-00:41 
‚Das Mädchen ist grösser als der Junge.‘

In diesem Beispiel verläuft die Bewegung der Gebärde ‚ALS‘ vom Lokus der erstgenannten Referentin (‚Mädchen‘) in Richtung Lokus des zweitgenannten Referenten (‚Junge‘); der Zeigfinger richtet sich also auf den zweiten Referenten aus. Dies macht eine zusätzliche Indexierung auf die beiden Referent:innen überflüssig.

Weglassen der Gebärde ‘ALS’

Die lexikalisierte Gebärde ‘ALS’ kann weggelassen werden, wenn im Vergleich von Massangaben der Unterschied mittels entsprechender Handformen (Höhe, Breite, Länge etc.) visualisiert wird:

(d)
BUB   IX(rechts)   MÄDCHEN   IX(links)   GROSS(li)   PROD-MASS“grösser“(li)   PROD-MASS“kleiner“(re)
00:58-01:01

Der Grössenunterschied wird hier allein durch die unterschiedliche Positionierung der Handform auf der vertikalen Ebene und dem begleitenden Mundbild ‚grösser‘ vermittelt.

Die Gebärde ‘WIE’ für gleiche Eigenschaften

Die lexikalisierte Gebärde ‚WIE‘ – nicht zu verwechseln mit der Fragegebärde ‚WIE?‘ – leitet einen Vergleich von gleichen Eigenschaften ein. Das Mundbild ‚wie‘ ist dabei fakultativ oder kann durch das Mundbild ‚gleich‘ ersetzt werden.

Durch eine Bewegungsänderung der Gebärde ‚WIE‘ und das Weglassen des Mundbildes wird der Vergleich betont. Es folgt ein Beispiel ohne (a) und eines mit Betonung (b) des Vergleichs:

(a)
POSS-1   KATZE   IX(re)   LAUFEN   WIE   FRAU   MADAM(mb:fräulein)  PROD-MODELLAUFEN   II
00:46-00:53
‚Meine Katze tippelt davon wie eine Dame.‘

(b)
POSS-1   CHEF   IX(oben-links)   AUSSEHEN   WIE(Betonung1x)   POSS-2   SOHN   IX-2   II
00:56-00:59
‚Mein Chef ist deinem Sohn also wirklich wie aus dem Gesicht geschnitten.‘

Die Gebärde ‘GEGENTEIL’ für kontrastierende Eigenschaften

Die lexikalisierte Gebärde ‚WIE‘ bringt Ähnlichkeiten zum Ausdruck (Eigenschaften unterscheiden sich kaum). Ein Vergleich kann sich aber auch auf einen Gegensatz beziehen (Eigenschaften unterscheiden sich maximal). Dafür existieren unterschiedliche lexikalisierte Gebärden wie zum Beispiel die Gebärde ‚GEGENTEIL‘:

Ein Beispiel:

(a)
POSS-1   CHEF   Kopfnicken(1x)  I   FERIEN   ZURÜCK(re-mitte)   AUSSEHEN   GEGENTEIL   VERÄNDERN   I   GESTE(oh)   I   ALS   VORHER   II
00:17-00:25
‚Als mein Chef aus den Ferien zurückkehrte, sah er völlig verändert aus.‘

Vielfache und Teile

Vielfache und Teile beruhen auf einem Vergleich. Daher werden sie hier ebenfalls behandelt.

Die lexikalisierte Gebärde ‚MAL‘

Vor der lexikalisierten Gebärde ‚MAL‘ muss eine Zahl stehen. In einem Vergleich folgt auf die Gebärde ‚MAL‘ die Gebärde ‚MEHR‘ beziehungsweise ‚WENIGER‘, eine Eigenschaft und die Gebärde ‚ALS‘ (‚Drei mal mehr X als Y.‘, ‚Drei mal weniger X als Y.‘).

Die lexikalisierte Gebärde ‚X-FACH‘

Das konkrete Vielfache kann in die lexikalisierte Gebärde ‚X-FACH’ inkorporiert werden, so dass die Gebärde ‚MAL‘ weggelassen werden kann.

Um die doppelte Anzahl auszudrücken, gibt es folgende zwei Möglichkeiten, die Zahl zwei zu inkorporieren:

‚ZWEI-FACH‘             ‚DOPPELT›

Weitere Vielfache werden wie folgt gebärdet:

(a) DREI-FACH, VIER-FACH, FÜNF-FACH
00:32-00:36

Ob das Vielfache mit ‘X-FACH’ oder mit ‘X-MAL-MEHR_ALS’ umgesetzt wird, ist kontextabhängig. Beide Möglichkeiten können zwar für die gleiche Aussage benutzt werden. Die Gebärde ‘X-FACH’ wird jedoch eher im Kontext Bildung und Arbeit benutzt (Bereich Zahlen, Berechnungen/Mathematik) (c), die Gebärde ‘MAL’ (‘X-MAL-MERH-ALS’, ‘X-MAL-WENIGER-ALS’) ist im Alltag gebräuchlicher und klarer (b).

(b) STRASSE   DREI   MAL   MEHR   PROD-MASS(Breite >2x)
00:56-00:59
‘Die Strasse ist dreimal breiter als … .’

(c) STRASSE   IXa   DREI   DREIFACH   PROD-MASS(Breite >2x)
01:01-01:05
‘Die Strasse ist dreimal so breit wie … .’

In Gebärdensprache kann ein solcher Vergleich zusätzlich mit kontextspezifischen Handformen visualisiert werden. In den Beispielen (b) und (c) werden die beiden Strassenbreiten beziehungsweise ihr Verhältnis mit der B-Handform mit ausgestrecktem Daumen visualisiert.

Die lexikalisierten Gebärden ‚DOPPELT‘ und ‚HÄLFTE‘

Anstelle von ‚ZWEI-MAL-MEHR‘ beziehungsweise ‚ZWEI-MAL-WENIGER‘ können die lexikalisierten Gebärden ‚DOPPELT‘ beziehungsweise ‚HÄLFTE‘ benutzt werden. Dazu ein Beispiel:

(a) FIRMA(rechts)   FIRMA(links)   IX(li)   DOPPELT   AUFTRAG++   BEKOMMEN   IX(re)   HALB(mb:hälfte)   AUFTRAG++   WENIG   II
00:26-00:32
‘Die eine Firma erhält doppelt so viele Aufträge wie die andere. (Die andere wenige, nur halb so viele).’

Die lexikalisierte Gebärde ‚PROZENT‘

Prozentangaben können ebenfalls miteinander verglichen werden (‚20% mehr als … .‘, 30% weniger als … .‘). Die lexikalisierte Gebärde ‚PROZENT‘ kann ein- oder zweihändig ausgeführt werden:
(a) ‚PROZENT
00:11-00:12

Die Prozentangaben können sich auf unterschiedliche Grössen beziehen (Fläche, Menge, Gewicht, Tiefe etc.) und grafisch unterschiedlich dargestellt werden (Kuchen-, Säulendiagramm).

Dazu ein mögliches Beispiel:

(b)
POSS-1(MEIN)   PARTNER(mb:mann)   IX(re)   100   PROZENT   VERDIENEN   I   IX-1(ICH)   20   PROZENT   MEHR   ALS   IX(re)   II
00:48-00:55
‚Mein Mann verdient 100%, ich verdiene 20% mehr als er.‘

Im Alltagskontext ist diese Formulierung möglich. Sollen Beträge/Prozentangaben aber präziser dargestellt und miteinander verglichen werden (Verhältnis), so wird in Gebärdensprache die Grösse des ersten Betrags als Referenz für die weiteren Beträge festgelegt. D.h. die weiteren Beträge werden entsprechend kleiner oder grösser als ihre Referenz dargestellt, wie folgendes Beispiel zeigt:

(c)
IX-1(ICH)   100   PROZENT   IX-1(ICH)  BEKOMMEN  
NDH:             PROD-MASS(menge) —————–>
DH:                20   PROZENT         PROD-MASS(menge)-DAVON   MUSS   ZURÜCK   (ich)BEZAHLEN(rechts)   FÜR   ETWAS…. 
01:04-00:13
‚Ich bekomme 100%. Davon muss ich 20% zurückbezahlen für … .‘

Die passive Hand, welche für die erste Prozentangabe steht (100%), wird als Referenz für die zweite Prozentangabe (20%) gehalten. Die aktive Hand liegt innerhalb der passiven. Dies und die folgende Bewegung drücken aus, dass die 20% von den 100% abgezogen werden. Kommen 20% zu den 100% dazu, wird dies wie folgt gebärdet:

Welche Handform benutzt wird, um den Vergleich/das Verhältnis zu visualisieren, ist kontextabhängig.

Brüche

Auch Brüche ( ½ , ¾ ) können miteinander verglichen werden
( ‚ ⅓ mehr als … .‘ ‚ ¼ weniger … .‘).

Wie und auf welcher räumlichen Ebene der Vergleich (höher, breiter …) in Gebärdensprache visualisiert wird, ist kontextabhängig. Dazu ein Beispiel:

(a)
IX(mitte)   STRASSE(breit)   1/3   PROD-BREIT(ganz3/3) > 1/3“weniger“   II
00:27-00:31
‚Diese Strasse ist ⅓ weniger breit.‘

Zunächst wird die Gesamtbreite der Strasse als Referenz angegeben . Danach rückt die aktive Hand um ⅓ in Richtung passive Hand, so dass die verbleibenden  ⅔  sichtbar werden. Ohne diese zusätzliche Visualisierung wäre die Aussage nicht eindeutig.

 

Steigerung

Unterschiedliche Eigenschaften (‚gross‘, ‚lieb‘,‘ rot‘, usw.) von Referent:innen können in ihrer neutralen Form (im Deutschen ‚Positiv‘) miteinander oder bezüglich ihrer Ausprägung (im Deutschen ‚Komparativ, ‚mehr als‘, ‚weniger als‘) verglichen werden. Das Maximum der Ausprägung einer Eigenschaft (im Deutschen ‚Superlativ‘) kann durch unterschiedliche lexikalisierte Gebärden ausgedrückt werden.

Die lexikalisierte Gebärde ‚BESTE‘

Durch die Verbindung einer Gebärde für eine Eigenschaft (‚schnell‘, ‚langsam‘, ‚gross‘, ‚klein‘, ‚klug‘ usw.) mit der Gebärde ‚BESTE‘ wird ihre maximale Ausprägung ausgedrückt.

Die Gebärde ‚BESTE‘ kann vor (a) oder nach der Gebärde (b) für die Eigenschaft stehen:

(a)
IX-1(ICH)   BÄCKER(mb:bäckerei)   IX-1(ICH)   HINGEHEN   I   FEIN   KUCHEN   IX+++(links-rechts)   II
IX(li)    MEHR   FEIN   ALS   IX(mitte)   IX(re)   BESTE   FEIN   IX(bestimmt, re)   II
00:35-00:47
‚In der Auslage der Bäckerei sehe ich viele leckere Kuchen. Der Kuchen links scheint mir feiner als der in der Mitte. Aber am feinsten scheint mit der Kuchen ganz rechts.‘

(b)
KUCHEN   IX(bestimmt, re)   FEIN   BESTE   IX(bestimmt, re)  II
00:49-00:51
‚Dieser ist der feinste Kuchen.‘

Lexikalisierte Gebärden zur Betonung einer Eigenschaft

Die Ausprägung einer Eigenschaft beschränkt sich nicht auf die 3 unterschiedlichen Grade Positiv (‚gross‘, ‚‘klein‘, lieb‘ usw.), Komparativ (Vergleich: ‚mehr als‘, ‚weniger als‘) und Superlativ (‚am meisten‘, am besten‘ usw.).

Die lexikalisierte Gebärde ‚WIRKLICH‘

Eine Eigenschaft (oder auch die Art und Weise einer Handlung) kann betont werden durch das Hinzufügen der lexikalisierten Gebärde ‚WIRKLICH‘.

Damit wird ausgedrückt, dass die Eigenschaft bei einer Referent:in/einem Referenten stärker ausgeprägt ist als bei einer anderen/einem anderen:

a)
BUB   IX(links)   FRECH   IX(li)   II   MÄDCHEN   IX(re)   WIRKLICH   FRECH   IX(re)  II
00:43-00:48
‚Der Junge ist frech, aber das Mädchen ist noch viel frecher.‘

b)
MANN   IX(li)   WIRKLICH   ARBEITEN(nmk:viel/hart)   II
00:54-00:57
‚Der Mann arbeitet wirklich unglaublich viel.‘

In diesem Beispiel erfolgt ein impliziter Vergleich an einer angenommenen Norm für „normales“ Arbeiten.

Die lexikalisierte Gebärde ‚STARK‘

Eine Alternative zur lexikalisierten Gebärde ‚WIRKLICH‘ ist die lexikalisierte Gebärde ‚STARK‘.

Die Gebärde ‚STARK‘ hat eine ähnliche Bedeutung wie die Gebärde ‚WIRKLICH‘. Worin der genaue Unterschied zwischen beiden Gebärden besteht, ist schwierig zu formulieren. Eine Betonung mit der Gebärde ‚WIRKLICH‘ ist vielleicht etwas sachlicher, eine Betonung mit der Gebärde ‚STARK‘ ist gewichtiger. Der Unterschied ist aber minim. Es folgen zwei Beispiele mit der Betonung ‚STARK‘:

a)
HEUTE   ABEND   IX-1(ICH)   KURS   BESUCHEN   IX-1(ICH)   STARK   FREUDE   II
00:33-00:37
‘Heute Abend gehe ich in einen Kurs. Darauf freue ich mich also wirklich sehr.

Die Freude wird betont, ist gross beziehungsweise grösser als eine angenommene Vergleichsnorm beziehungsweise das Positiv.

b)
MANN   IX(li)   STARK   COCA-COLA   PROD-TRINKEN+++   II
Würden
00:49-00:52
‘Dieser Mann trinkt also wirklich aussergewöhnlich viel Coca Cola.’

Auch in diesem Beispiel wird betont, dass es sich beim Verhalten des Mannes nicht um die Norm handelt.

Die lexikalisierte Gebärde ‚LEUCHTEND‘

Dass eine Eigenschaft fast maximal ausgeprägt ist, wird durch die lexikalisierte Gebärde ‚LEUCHTEND‘ (ein- oder zweihändige Ausführung möglich) angezeigt. Sie kommt meist beim Vermitteln der Qualität einer Eigenschaft zur Anwendung (Qualität einer Farbe, Schärfe eines Bildes). Dazu zwei Beispiele:

(a)
FERNSEHEN   IX-1(ICH)   HINGEHEN   WILL   KAUFEN   IX(links, oben)   FERNSEHEN   LEUCHTEND  IX(li, o.)   ALS    IX(re:++)   
00:23-00:29
‚Ich will mir einen Fernseher kaufen und schaue mir im Laden verschiedene an. Der eine hat im Vergleich zu den anderen ein sehr viel schärferes Bild.‘

(b)
DREI   AUTO   IX+++(links > rechts)   IX(li)  ROT    IX(mitte)   MEHR   ROT   IX(re)   ROT  LEUCHTEND   IX(re)   II
00:36-00:42
‚Von den drei Autos ist das erste rot, das zweite ist roter als das erste und das dritte ist knallrot.‘

ass die rote Farbe des dritten Autos dem möglichen Maximum nahekommt, wird durch die lexikalisierte Gebärde ‚LEUCHTEND‘ ausgedrückt.

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