Kapitel 3

Aussagen machen

Inhaltverzeichnis

Einführung

Es lassen sich Aussagesatz, Fragesatz und Aufforderungssatz (Befehl oder Wunsch) unterscheiden. In diesem Kapitel wird aufgezeigt, wie ein Aussagesatz gebildet wird. Wie aufeinanderfolgende Aussagen miteinander verbunden werden, wird in Kapitel 4 Aussagen verbinden erläutert.

Informationsstruktur in der dreidimensionalen Gebärdensprache

Die Informationsstruktur ist die Art und Weise, wie verschiedene Arten von Informationen in der Struktur des einzelnen Satzes und von Satzgruppen (Diskurs) ausgedrückt werden. Dazu gehören die Annahmen der Gebärdenden darüber, was die Diskursteilnehmenden bereits wissen (bekannte Informationen) und was sie noch nicht wissen (neue Informationen). In vielen Gebärdensprachen und gesprochenen Sprachen werden die bekannten Informationen in der Regel am Anfang des Satzes und die neuen Informationen am Ende des Satzes ausgedrückt.

Bei der Betrachtung der Informationsstruktur in Gebärdensprachen ist es wichtig, sich vor Augen zu halten, dass diese Sprachen dreidimensional sind.
Dinge, Personen und Ereignisse werden im Gebärdenraum verortet und durch räumliche Bezüge zueinander in Beziehung gestellt. Die mit dem Körper erzeugten Aussagen wiederum werden über das Auge wahrgenommen. Die visuell-gestische Modalität der Gebärdensprachen hat Einfluss darauf, wie die zu vermittelnden Informationen in einem Satz oder Diskurs angeordnet werden (Informationsstruktur) und auf die Grammatik dieser Sprachen.
Die visuelle Wahrnehmung der Realität ermöglicht es Gebärdenden, einige Aspekte der realen Welt wie Zeitabläufe, Aussehen von Dingen und Personen sowie Handlungen nachzuahmen und nach bestimmten Regeln räumlich und visuell abzubilden.
Die Art und Weise, wie Informationen in DSGS strukturiert sind, in welcher Reihenfolge diese angeordnet werden, folgt dabei einem bestimmten Prinzip. Dieses Prinzip wird im Folgenden bezeichnet als „Vom Allgemeinen zum besonderen Detail“ oder „Vom Grossen zum kleinen Merkmal“ für Sätze, die physische Formen beschreiben: In einer Erzählung oder Beschreibung werden oft zuerst allgemeine Hintergrundinformationen vermittelt (bekanntes Wissen zur Herstellung des Kontextes) und dann folgen schrittweise spezifischere Informationen, wird auf Details fokussiert. Der Aufbau von Aussagesätzen folgt diesem Prinzip.

Simultane und lineare Vermittlung von Informationen

Aufgrund der Dreidimensionalität von Gebärdensprachen und ihrer visuell-gestischen Modalität lassen sich Informationen zu einem grossen Teil simultan vermitteln. Gebärdensprachen beinhalten aber auch lineare Elemente. Simultane und lineare Elemente werden auf spezifische Art und Weise miteinander kombiniert: Eine Aussage wird durch linear aufeinanderfolgende Einheiten gebildet. Jede dieser Einheiten wiederum setzt sich aus simultanen, also zeitgleich ausgeführten nichtmanuellen und manuellen Komponenten zusammen. So folgen sich simultan aufgebaute Elemente in linearer Abfolge.

In gesprochenen Sprachen werden gewisse Informationen der Kommunikation ebenfalls simultan vermittelt (Gesprochenes und Nicht-Gesprochenes oder ‚nonverbale’ Verhaltensweisen der Gesichts- und Handgesten); die einzelnen Wörter und Wortteile des Satzes jedoch sind linear angeordnet. In Gebärdensprachen ist der Anteil an Simultaneität viel grösser als dies bei Lautsprachen der Fall ist. In Lautsprachen ist die Abfolge von Wörtern und Wortteilen zudem recht genau festgelegt. In Gebärdensprachen besteht hier mehr Spielraum (s. Kapitel 3.20 und 3.30).

Das Prinzip «Vom Allgemeinen zum besonderen Detail»

Das Prinzip, nach welchem Informationen in Gebärdensprachen angeordnet sind (Informationsstruktur), das Prinzip „Vom Allgemeinen zum besonderen Detail“ hat nichts mit physischer Grösse / Struktur zu tun. Das „Grosse / Allgemeine“ kann verstanden werden als der Rahmen, der Hintergrund oder der Kontext einer Erzählung oder Beschreibung, der zu Beginn aufgezeigt wird. Dies kann die Angabe des Themas sein, die Beschreibung der Situation oder des Ereignisses, des Ziels oder eines anderen wichtigen Aspekts einer Aussage. Nach dieser Einführung rücken detaillierte, spezifischere Informationen zu den beteiligten Personen, dem Ort des Geschehens, zum Wie usw. in den Fokus. Zum Abschluss wird oft noch einmal der Bogen zum grossen Ganzen / Allgemeinen geschlagen, zu dem zu Beginn eingeführten Kontext.

Zur Veranschaulichung des Prinzips der Informationsstruktur in Gebärdensprachen folgen drei Beispiele:

 

(a) BUS   PROD-anhalten   IX-1   WARTEN   PROD-öffnen(Türe)   IX-1   PROD-einsteigen  ||
‚Ich warte auf den Bus und steige dann in den angekommenen Bus ein.‘
00:09-00:14

 

(b) TISCH(re)   PROD-Form(Schale)   FRÜCHTE   PROD-Menge(Früchte)   KATZE   PROD-sitzen(Katze auf Tisch, rechts)  ||
‚Die Katze sitzt rechts neben der Früchteschale auf dem Tisch.‘
00:15-00:20

 

(c) GESTERN   IX-1   THEATER   EINTRETEN   IX-1   PROD-gehen-entlang (Saal)  PROD-Menge (Menschen)   IX-1  PROD-gehen(Sitzreihe)   PROD-sitzen   SCHAUEN   |  THEATER   SCHÖN   Geste(sehr)  ||
‚Gestern konnte ich mir das Theater auf einem Platz vorne im vollen Saal ansehen. Es hat mir sehr gut gefallen.‘
00:21-00:29

 

Alle Beispiele zeigen auf, dass in Gebärdensprachen zunächst das Hauptthema benannt und danach auf die Handlung fokussiert wird.

In Beispiel (a) wird zuerst der heranfahrende Bus thematisiert, anschliessend folgt der Handlungsablauf „auf den Bus warten – das Öffnen der Türe – das Einsteigen in den Bus“.

Beispiel (b) setzt zuerst den Tisch in den Raum, positioniert anschliessend die Schüssel darauf, füllt diese mit den Früchten und benennt erst zuletzt die Katze, welche rechts neben der Schüssel sitzt. In diesem Beispiel ist die visuelle Logik von Gebärdensprachen gut erkennbar: Da sich Schüssel und Katze auf einem Tisch befinden, können sie unmöglich zuerst platziert werden; sie würden sonst auf den Boden fallen. Diese Logik ist ebenfalls in Beispiel (a) ersichtlich: Es kann erst in den Bus eingestiegen werden, wenn dieser da ist, angehalten hat und sich die Türen geöffnet haben.

Beispiel (c) macht den gestrigen Theaterbesuch, welcher gefallen hat, zum Hauptthema. Erst danach folgt die Beschreibung des Theatersaals und des Erlebten beziehungsweise ein persönliches Statement dazu.

Satzglieder (Satzeinheiten)

In diesem Kapitel wird der Aussagesatz genauer betrachtet. Innerhalb eines Aussagesatzes lassen sich unterschiedliche Einheiten (Satzglieder) unterscheiden: Subjekt, Objekt/e und Prädikat (Verb). Ein vollständiger Minimalsatz muss mindestens ein Subjekt und ein Prädikat enthalten.

Subjekt

Ein Subjekt kann aus einer oder mehreren Gebärden bestehen. Zwingend vorhanden sein muss eine Pronominale Referenz (Index, ICH, DU, ER/SIE/ES).

 

Im folgenden Beispiel (a) besteht das Subjekt-Satzglied aus 4 Gebärden:

 

(a) IX-3   PROFESSOR   PERSON   IX-3   ||

‚Der Professor.‘ –  00:23-00:25

 

Die Reihenfolge dieser vier zum Subjekt zählenden Gebärden spielt eine untergeordnete Rolle. Da sie alle an derselben Stelle im Gebärdenraum ausgeführt werden, sind sie als zum Subjekt gehörend identifizierbar. Diese räumliche Verortung ist wichtiger als die Reihenfolge der einzelnen Gebärden.

 

Dasselbe Subjekt könnte auch mit nur 2 Gebärden (b) oder nur 3 Gebärden in unterschiedlicher Reihenfolge (c) gebildet werden, abhängig von den bereits bekannten Kontextinformationen:

 

(b) IX-3   PROFESSOR 

‚Der Professor.‘ – 00:48-00:49

 

(c) PERSON   IX-3   PROFESSOR

‚Der Professor.‘ – 00:50-00:51

 

PROFESSOR   IX-3   PERSON

‚Der Professor.‘ – 00:53-00:54

Prädikat

Ein Prädikat drückt eine Handlung, eine Aktion, ein Ereignis oder einen Ablauf aus. Es kann aus einem Verb bestehen (einfaches, übereinstimmendes, produktives oder Modal-Verb) oder eine Eigenschaft / einen Zustand des Subjekts oder Objekts beschreiben.

 

Dazu einige Beispiele:

 

(a) IX-1   SCHLAFEN   II

‚Ich schlafe.‘ – 00:37-00:39

 

Das Prädikat in Beispiel (a) besteht nur aus dem einfachen Verb „SCHLAFEN“. Es darf mit weiteren Informationen angereichert werden, wenn die Handlung detaillierter wiedergegeben werden soll:

 

(b) IX-1   SCHLAFEN   PROD-halten(Bettdecke)   II

‚Ich schlafe unter der Decke.‘ – 00:55-00:58

 

Mit dem Hinzufügen der produktiven Gebärde wird das Hochziehen der Decke angezeigt. Damit wird ausgedrückt, dass die gebärdende Person im Bett liegt und schläft.

 

Im folgenden Beispiel wird mit dem Prädikat eine Eigenschaft beziehungsweise ein Merkmal einer Katze näher beschrieben:

 

(c) IXa   KATZE   PROD-Form(Ohrspitz)  ||

‚Die Katze hat spitze Ohren.‘ – 01:07-01:10

 

In Beispiel (d) wird der Zustand eines Subjekts durch das Prädikat ausgedrückt:

 

(d) IX-3   FRAU   KRANK   IX-3  ||

‚Die Frau ist krank.‘ – 01:30-01:32

 

Zum Prädikat können also sowohl eine Handlung wie auch eine Eigenschaft oder ein Zustand gehören.

Objekt

Wie das Subjekt kann auch das Objekt-Satzglied aus mehreren Gebärden bestehen und auch hier spielt die Reihenfolge der einzelnen Gebärden eine untergeordnete Rolle.

Ein Objekt steht oft mit dem Prädikat oder Subjekt in Verbindung; zusammen bilden die drei Satzglieder den Aussagesatz.

 

Form und Aussehen eines Objekts finden sich im Prädikat wieder, wenn dieses eine produktive Gebärde enthält. Dazu folgendes Beispiel (a):

 

(a) IX-1   BUCH   PROD-legen(Buch)   ||

‚Ich lege das Buch hin.‘ – 00:43-00:45

 

Die Gebärde „ICH“ ist in Beispiel (a) Subjekt, die Gebärde „BUCH“ ist Objekt und die produktive Gebärde „BUCH HINLEGEN“ ist Prädikat. Die Handform dieser produktiven Gebärde gibt die Form des Buches wieder, die Bewegung die Handlung des Hinlegens, die Handstellung die Lage des Buches und der Endpunkt der Bewegung den Ort, wo sich das Buch schlussendlich befindet.

 

Bei der Anordnung von Subjekt, Objekt und Prädikat innerhalb eines Satzes und ihrer Bezugnahme aufeinander sind also räumliche und visuelle Aspekte zu beachten.

Satzbau

Die Reihenfolge der einzelnen Gebärden innerhalb der Satzglieder Subjekt, Objekt und Prädikat und auch die Reihenfolge zwischen diesen Satzgliedern sind beide bis zu einem gewissen Grad variabel. Die räumliche Logik und die Informationsstruktur der Gebärdensprache (s. Kapitel 3.10) sind diesbezüglich entscheidend. Beim Referenzieren auf das räumlich verortete Subjekt und/oder Objekt und bei der gegenseitigen Bezugnahme dieser Satzglieder aufeinander besteht jedoch kein Spielraum.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die Satzglieder Subjekt, Objekt und Prädikat (Verb) innerhalb eines Aussagesatzes nacheinander anzuordnen.

 

Ein Satz besteht mindestens aus einem Subjekt und einem Prädikat in eben dieser Reihenfolge (S-V).

 

Wird er um ein Objekt erweitert, sind folgende Anordnungen (welche jeweils mit weiteren Informationen ergänzt werden können) möglich:

 

  • Subjekt – Objekt – Prädikat (Verb) – … (S-O-V)

 

  • Subjekt – Prädikat (Verb) – Objekt – … (S-V-O)

 

  • Subjekt – Prädikat (Verb) – Objekt – Prädikat (Verb) – … (S-V-O-V)

Hier wird das Prädikat (Verb) am Schluss wiederholt.

 

  • Objekt – Subjekt – Prädikat (Verb) – … (O-S-V)

Das Objekt steht vor dem Subjekt und Prädikat (Verb), wenn auf dieses fokussiert, es also zum zentralen Thema gemacht wird.

 

Zu den unterschiedlichen Reihenfolgen einige Beispiele:

 

(a) S – O – V

IX-1   RESTAURANT   1EINTRETENa   ||

‚Ich gehe ins Restaurant.‘ – 00:55 – 00:57

 

(b) S – V – O

IX-1   1EINTRETENa   RESTAURANT   IXa   ||

‚Ich gehe ins Restaurant.‘ – 01:04 – 01:06

 

(c) S – V – O – V

IX-1   1EINTRETENa   RESTAURANT   IX-1   EINTRETENa   IXa   ||

‚Ich gehe ins Restaurant.‘ – 01:12 – 01:15

Die Variante (c) unterscheidet sich von der Variante (b) nur durch die Wiederholung des Prädikats am Schluss des Satzes.

 

Die Beispiele (a), (b) und (c) unterscheiden sich inhaltlich nicht voneinander.

 

(d) O – S – V

RESTAURANT   IXa   IX-1   EINTRETENa  ||

‚Ins Restaurant gehe ich.“ – 01:19 – 01:22

Das Objekt steht hier bewusst an erster Stelle, um es zu betonen. Gefolgt wird es vom Subjekt und dieses wiederum vom Prädikat (Verb).

 

Nicht zulässig in der DSGS ist die Reihenfolge O-V-S (Objekt – Prädikat (Verb) – Subjekt). Steht das Objekt an erster Stelle, darf es nicht vom Prädikat (Verb), sondern muss zwingend vom Subjekt gefolgt werden (O-S-V).

 

Während bei der Abfolge der Gebärden innerhalb von Subjekt, Objekt und Prädikat (Verb) sowie bei der Abfolge zwischen diesen Satzgliedern ein gewisser Spielraum besteht, ist dies beim Referenzieren auf sie nicht der Fall: Jede Bezugnahme auf ein Subjekt beziehungsweise Objekt muss zwingend mit dem entsprechenden Lokus übereinstimmen; jedes Prädikat (Verb) muss ebenfalls die richtige räumliche Anordnung von Subjekt und Objekt/en widerspiegeln.

Anordnung Objekt – Subjekt – Prädikat (O-S-V)

Die Anordnung Objekt – Subjekt – Prädikat (Verb) (O-S-V) findet in Gebärdensprachen oft Verwendung. Sie entspricht dem Informationsstruktur-Prinzip «Vom Allgemeinen zum besonderen Detail». Steht das Objekt zu Beginn einer Aussage, so erhält es mehr Gewicht; es wird zum zentralen Thema der Aussage gemacht.

 

Es folgen einige Beispiele einer solchen Fokussierung auf das Objekt:

 

(a) THEATER   IX-1   1EINTRETENa   |  INTERESSANT  ||

‚Das Theater, (das ich besucht habe), war sehr interessant.‘

00:28 – 00:32

Zunächst wird ins Thema – ‚das Theater‘ – eingeführt und anschliessend ein Kommentar dazu abgegeben oder es werden spezifische Informationen zum Theaterbesuch angefügt.

 

(b) GLACE   IXa   IX-1   FEIN   IXa  Geste(sehr)   ||

‚Das Glacé finde ich sehr fein.‘

00:41 – 00:44

Auch in diesem Beispiel (b) wird zunächst auf ‚das Glacé‘ fokussiert, dann folgt ein Kommentar dazu.

 

(c) GESTERN   IX-1   UNFALL  |…..

‚ … beim gestrigen Unfall … . ‹

00:48– 00:50

In diesem Beispiel (c) wird zuerst in das Thema ‚Ich hatte gestern einen Unfall‘ eingeführt, so dass das Gegenüber sofort im Bilde ist, worum es geht. Anschliessend folgt die genaue Schilderung des Geschehenen. In der deutschen Sprache wird nicht immer gleich zu Beginn einer Aussage so explizit in das übergeordnete Thema eingeführt.

Wiederholung des Subjekts

Das Subjekt nimmt in einem Aussagesatz eine wichtige Rolle ein; deshalb wird es von Zeit zu Zeit wiederholt, oft auch am Schluss noch einmal erwähnt. Die Wiederholung dient der Kohärenz über die gesamte Aussage hinweg und stellt sicher, dass stets Klarheit über den Satzgegenstand besteht.

Zusätzliche Attribute

Jedes Satzglied kann durch zusätzliche Informationen (Attribute) angereichert werden. Zusätzliche Attribute vermitteln genauere Informationen zu einem Geschehen / einer Tätigkeit (was, wie) oder zu einer Eigenschaft. Die zugeschriebene Eigenschaft kann sich dabei auf das Tempo eines Vorgangs (schnell, langsam), auf das Alter (jung, alt), auf die innere Verfassung einer Person (nervös, lustig), das Aussehen einer Sache wie die Farbe (rot) etc. beziehen.

 

Die Stellung des zusätzlichen Attributs innerhalb eines Satzgliedes kann unterschiedlich sein. Dazu einige Beispiele:

 

(a) ROT   JACKE  

‚Die rote Jacke.‘ – 00:49 – 00:51

 

(b) BLAU   AUTO

‚Das blaue Auto.‘ – 00:51 – 01:31

 

(c) BLAU   AUTO        oder        AUTO   BLAU

‚Das blaue Auto.‘ – 00:56 – 01:06

 

Die Beispiele (a)/(b) und (c) weisen eine andere Reihenfolge auf. In Beispiel (a) und (b) wird das zusätzliche Attribut dem Substantiv vor-, in Beispiel (c) dem Substantiv nachgestellt. Beide Positionen sind korrekt.

 

Möglicherweise hängt die Stellung des zusätzlichen Attributes innerhalb eines Satzgliedes davon ab, welcher Teil der Aussage hervorgehoben werden soll: Steht das zusätzliche Attribut vor dem Substantiv, so wird letzteres betont (‚Das blaue Auto.‘), steht es hingegen nach dem Substantiv, so erhält das zusätzliche Attribut mehr Gewicht (‚Das blaue Auto.‘).

Welcher Inhalt betont wird, lässt sich ebenfalls an der Mimik – am Heben der Augenbrauen – ablesen.

 

Zusätzliche Attribute innerhalb eines Satzgliedes nutzen häufig lexikalisierte Gebärden (‚SCHNELL‘, ‚ROT‘, ‚GRÜN‘, ‚‘LANGSAM, ‚JUNG‘, ‚ALT‘). Innerhalb eines Prädikats werden sie jedoch oft durch – simultan mit dem Verb ausgeführte – nichtmanuelle Komponenten ersetzt, wie das folgende Beispiel zeigt:

 

(d) BLAU   AUTO   PROD-autofahren(Kurve)

‚Das blaue Auto fährt schnell um die Kurve.‘ – 02:01 – 02:03

 

Dass das Auto schnell fährt, wird in Beispiel (d) mittels Mundform (‚bam‘) und durch das Tempo der Gebärde ‚FAHREN‘ vermittelt. Dass gleichzeitig eine halbkreisförmige Bewegung ausgeführt wird, zeigt zudem auf, dass das Auto um die Kurve fährt.

 

Bezüglich Reihenfolge von Verb und zusätzlichem Attribut ist auch folgende Variante zulässig:

 

(e) AUTO   BLAU   PROD-autofahren(Kurve)

‚Das blaue Auto fährt schnell um die Kurve.‘ – 02:16 – 02:19

Im Gegensatz zu Beispiel (d) steht das zusätzliche Attribut ‚SCHNELL‘ hier nach dem Substantiv.

 

Es dürfen auch lexikalisierte Gebärden und nichtmanuelle Komponenten kombiniert werden:

 

(f) AUTO   BLAU   SCHNELL   PROD-autofahren(Kurve)

‚Das blaue Auto fährt schnell um die Kurve.‘ – 02:24 – 02:28

Das schnelle Fahren wird sowohl durch nichtmanuelle Komponenten als auch durch die lexikalisierte Gebärde ‚SCHNELL‘ ausgedrückt.

Satzbeginn und Satzende

Es ist nicht immer einfach zu erkennen, wo eine Aussage endet und eine neue beginnt. Während in der gesprochenen Sprache Anfang und Ende einer Aussage durch Intonation gekennzeichnet sind, werden in Gebärdensprachen dazu v.a. nicht-manuelle Komponenten eingesetzt.

 

Kennzeichnung Satzanfang:

  • Hochziehen der Augenbrauen
  • Leichtes Öffnen der Augen
  • Leichtes Hochziehen des Kinns
  • Aufrichten des Oberkörpers
  • Heben der Hände / Arme

 

Kennzeichnung Satzende:

  • Neutrale Mimik
  • Neutrale Position des Kinns
  • Neutrale Position des Oberkörpers
  • oft Kopfnicken
  • oft PALM-UP oder Gebärde ‚FERTIG‘
  • oft Wiederholung und Halten einer Pronominalen Referenz (Subjekt, Objekt)
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