Wenn mehrere Referent:innen verortet werden sollen, so geschieht dies an unterschiedlichen Stellen (Loki) im Gebärdenraum. Rechtshänder:innen setzen Indexe eher vor dem Körper bis rechts im Gebärdenraum, bei Linkshänder:innen verhält es sich genau umgekehrt.
Die nichtdominante Hand (ndH) kann das Indexieren auf zuvor mit der dominanten Hand (dH) verortete und indexierte Referent:innen übernehmen. Zur Verdeutlichung ein Beispiel:
(a)
dH: POSS-1CHEF IX-3 NICHT DA | SELBER3 NICHT EINVERSTANDEN | HEUTE FREI || 00:28-00:37
ndH: IX-3(hold) –––––––––––––––––––––––––––––––––––––––– ||
Mein Chef ist nicht da. Er ist nicht einverstanden, dass wir heute frei nehmen.
In diesem Beispiel wird der ‘Chef’ zunächst mit der dH verortet und indexiert. Anschliessend übernimmt und hält die ndH den Index (‘er’). Das Halten (hold) durch die ndH dient dabei als Orientierungspunkt. Während mit der dH weiter gebärdet wird, bleibt ersichtlich, welcher Teil der Aussage sich auf den Chef bezieht. Die gehaltene Indexierung durch die ndH wird als Boje bezeichnet. Wie eine schwimmende Boje ein Schiff an Ort und Stelle hält, so hält diese Boje die Referenz über mehrere mit der dH ausgeführte Gebärden hinweg aufrecht. Das gleichzeitige Benutzen der dH und ndH macht die Kommunikation effizient und stellt stets klar, auf welche Referent:in Bezug genommen wird.
Die Gebärde ‘SELBER’ kann auch eine reflexive Bedeutung haben (analog zum Reflexivpronomen im Deutschen). Sie betont dann, dass eine Handlung von der handelnden Person selbst ausgeführt wird. Die Gebärde ‘SELBER’ wird an jenem Lokus produziert, an dem zuvor die Person verortet wurde. Dazu ein Beispiel:
(a)
EIN MÄDCHEN KLEIN IX-3 SELBER3 PROD-waschen(Gesicht) II 00:11-00:16
‘Ein kleines Mädchen wäscht sich sein Gesicht.’
Hierzu ein Satzbeispiel:
(b)
GESTERN POSS-1 FREUND ICH IX-3 1TREFFEN3a |
(mit NMK-Mimik diese! SELBER3) ) ICH KENNEN 1BEIDE3 AUFWACHSEN || 00:12-00:20
‘Gestern habe ich meine Freundin getroffen, die ich von klein auf kenne.’
Der Bezugsindex nimmt innerhalb eines Satzes die Funktion eines Relativpronomens ein. Der Index wird von einer bestimmten Mundform und Kopf- und Oberkörperhaltung begleitet:
(a)
Blickrichtung/Mimik: ix-3 (bestimmt/diese!)
Hände: IX-3 00:00-00:04
Ein Bezugsindex verbindet zwei Hauptsätze (b) zu einem Satzgefüge (c):
(b)
Satz 1: GESTERN POSS-1 FREUND IX-3 ICH 1TREFFEN3 ||
Satz 2: IX-3ICH KENNEN SCHON VERGANGENHEIT(mb:lange) || 00:30-00:37
‘Gestern habe ich meine Freundin getroffen. Ich kenne sie schon lange.’
Nichtmanuelle Komponenten markieren den Unterschied zwischen dem Hauptsatz (1) und dem eingebetteten Relativsatz (2).
(c)
GESTERN POSS-1 FREUND | (mit NMK-Mimik: ICH IX-3 ICH KENNEN VERGANGENHEIT(mb:schonlang) AUFWACHSEN) | ICH 1TREFFEN3 || 00:43-00:50
Satz (1): Kinn: hoch Satz (2): Kopf hinten+Mimik gespannt Satz (1) Kinn: hoch
‘(1) Gestern habe ich meine Freundin, (2) die ich schon seit meiner Kindheit kenne, (1) getroffen.’
Der Bezugsindex liefert also zusätzliche Informationen zur/zum eingeführten Referent:in und leitet einen Relativsatz ein.
Zur Veranschaulichung ein weiteres Beispiel zweier Hauptsätze (d), die mittels Bezugsindex zu einem Satzgefüge (e) zusammengeführt werden:
Formelles Register:
Das benutzte Sprachregister manifestiert sich in der Handform, mit welcher die Personalpronomen gebildet werden. In einem formellen Register (z.B. Vorlesung, besonderer Anlass, Anwesenheit spezieller Gäste) wird anstelle des Index die flache Hand mit Handfläche nach oben verwendet:
IX-2(Hf-B)
IX-3(Hf-B)
Privates Register:
In einem intimen beziehungsweise privaten Register oder beim ‘Flüstern’ zeigt sich ein Personalpronomen diskreter. Der Index wird weiter unten im Raum, näher am Körper und in einem kleineren Radius, also weniger offensichtlich, ausgeführt. Auf dieselbe Weise kann auch mittels ausgestrecktem Daumen auf eine anwesende Person referenziert werden.
IX-3(Hf-A)
Möglich ist das Referenzieren in diesem Register auch alleine durch die Blickrichtung, wie folgendes Beispiel zeigt:
(a)
Blickrichtung: ix-3
Hände: SCHWANGER || 00:58-01:00
‘Sie ist schwanger.’
Personalpronomen sind bestimmte Pronomen. Sie beziehen sich entweder auf in der Kommunikationssituation anwesende oder auf zuvor eingeführte Referent:innen. Unbestimmte Pronomen stehen stellvertretend für nicht näher identifizierbare, also allgemeine beziehungsweise beliebige Referent:innen.
Das Hinweisen auf bestimmte Referent:innen kann mit unterschiedlichem Nachdruck erfolgen.
Folgende Mimik und die Wiederholung der hinweisenden Bewegung betonen, dass auf diese/n (!) Referent:in Bezug genommen wird:
(a) ‘Diese (!)’ 00:41-00:46
Das Hinzufügen der Gebärde ‘PERSON’ kann die Betonung ebenfalls verstärken:
(b) ‘Diese (!!) Person’ 00:57-00:58
Soll noch stärker betont werden, dass genau diese/r Referent:in gemeint ist, wird ergänzend die Gebärde ‘SELBER’ hinzugefügt:
(c) ‘Diese (!!!) Person’ 01:05-01:07
Die Gebärden ‘PERSON’ und ‘SELBER’ können in dieser Reihenfolge hinzugefügt werden, um die Betonung zu verstärken. Es ist aber auch möglich, sie je einzeln mit der beschriebenen Mimik und Bewegungswiederholung zu kombinieren.
Unbestimmte Pronomen werden durch die folgende Mundform, Mimik und Gestik (leichtes PALM-UP) und Bewegung von Kopf und Oberkörper markiert, welche Nichtwissen ausdrücken:
(d) Unbestimmter Referenzwert
PALM-UPup IX-3 01:31-01:32 / 01:34-01:36
(e) Unbestimmter Referenzwert
Der Indexfinger H kann auch durch die Gebärde ‘PERSON’ ersetzt werden:
PALM-UPup PERSON 01:43-01:45
In beiden Varianten (d) und (e) drückt die nichtwissende Mimik und Gestik (leichtes PALM-UP) aus, dass der/die Referent:in nicht näher identifizierbar ist. Eine weitere Möglichkeit zeigt folgendes Beispiel, in welchem die Gebärde ‘EIN’ von Kopfschütteln begleitet wird:
(f) Irgendein Mann:
PALM-UPup EIN(schütteln) MANN
PERSON oder IX-3 02:02-02:06
Ein Personalpronomen muss nicht zwingend mit dem ausgestreckten Zeigefinger gebildet werden. Im Plural kann die 5-Handform verwendet werden.
(a)
IX-1pl IX-1pl(Hf-5) 00:18-00:23
‘wir’
(b)
IX-3pl IX-3pl(Hf-5) 00:24-00:27
‘sie’
(c)
IX-2pl IX-2pl(Hf-5) 00:24-00:27
‘ihr’
Mögliche Variationen von ICH 00:44-00:48
Singular und Plural unterscheiden sich in der Regel durch die Bewegungsausführung des Index. Während beim Singular einmal oder zweimal kurz auf den/die Referent:in gezeigt wird, führt der Zeigefinger beim Plural eine Bogen- beziehungsweise Kreisbewegung aus.
Ein/e Pluralreferent:in (z.B. die Kinder) kann aber beim zweitmaligen Bezug auch mit einer Singularform (die Gruppe von Kindern) indexiert werden, wie folgendes Beispiel zeigt:
(a)
IX-3pla KINDER HEUTE SCHULE IXa || IX-3a MORGEN WEGGEHEN FERIEN || 00:44-00:51
‘Die Kinder haben heute Schule. Morgen gehen sie in die Ferien.’
Aus mehreren Einzelelementen im Plural (z.B. die Kinder) wurde eine Menge gebildet (die Gruppe der Kinder), welche nun im Singular steht. Aufgrund ihrer Position im Gebärdenraum ist sie eindeutig identifizierbar.
Personalpronomen sind lexikalisierte Gebärden. Sie werden folgendermassen im Raum verortet:
1. Person Singular (Dt. ich)
ICH = (IX-1) kurze Zeigebewegung auf sich selber 00:06-00:08
2. Person Singular (Dt. du/Sie)
DU = (IX-2) kurze Zeigebewegung auf Gesprächspartner:in 00:09-00:11
3. Person Singular (Dt. er, sie, es)
IX-3 kurze Zeigebewegung seitlich nach rechts/links 00:12-00:16
1. Person Plural (Dt. wir)
IX-1pl Kreisbewegung mit dem Zeigefinger nach oben gerichtet nahe am Oberkörper 00:18-00:20
2. Person Plural (Dt. ihr)
IX-2pl Horizontaler Bogen mit dem Zeigefinger nach vorne gerichtet von links nach rechts oder hin und zurück
IX-2pla, b, c … 00:21-00:25
3. Person Plural (Dt. sie)
IX-3pl Kreisbewegung mit dem Zeigefinger nach unten gerichtet links oder rechts
IX-3pla, b, c… 00:24-00:25
Eine wichtige Rolle bei der Unterscheidung von 2. und 3. Person spielt die Blickrichtung. Bei der 2. Person bleibt der Blick auf den/die anwesende Adressat:in gegenüber gerichtet. Die 3. Person wird durch einen kurzen seitlichen Blick nach rechts oder links Richtung Referent:in signalisiert.