(c) 00:04-00:10
‘Auf der linken Strassenseite befindet sich ein Haus, auf der rechten ein Wohnblock. Ich laufe der Strasse entlang.’
Zum Vergleich dasselbe Ereignis aus der Teilnehmenden-Perspektive:
(d) 00:17-00:23
Entscheidend ist hier die Darstellung der tatsächlichen Grössenverhältnisse (Haus-Block) und die Blickrichtung (dem Block entlang nach oben)
(e) Video von Techniken zur Darstellung von Massstab und Perspektive – 1 Beispiel (innen)
Wie mit dem Objektiv einer Kamera kann auch in Gebärdensprache der Bildausschnitt gewählt werden, der im Gebärdenraum wiedergegeben werden soll. Zudem kann der Gebärdenraum aus normaler Augenhöhe, aus der Frosch- oder aus der Vogelperspektive strukturiert werden. NMK (Blick, Mimik, Rotation des Oberkörpers, Bewegung) sowie Gebärdengrösse und -form bringen die unterschiedlichen Perspektiven zum Ausdruck.
‘Ich sitze mit einem Kollegen in einem Restaurant an einem Tisch, der Kellner kommt und wir begrüssen uns.
Die folgenden zwei Beispiele geben ein Ereignis aus unterschiedlicher Perspektive wieder. Im ersten Beispiel werden Teilnehmenden-/Innenperspektive und Erzähl-/Aussenperspektive kombiniert:
IXa HEMD IXa NEU (Mit NMK-Mimik: DU GESTERN KAUFEN IXa) IXa ICH GEFALLEN NICHT || 00:04-00:06
‘Das neue Hemd, das du ja gestern gekauft hast, gefällt mir nicht.’
Der/die eingeführte Referent:in (das neue Hemd) (Topikalisierung) wird durch den Relativsatz spezifiziert (‘das du gestern gekauft hast’). Der Bezug wird durch die leicht geschlossenen Augen hergestellt. Das Kopfnicken bringt das gemeinsame Vorwissen zum Ausdruck (‘wie wir beide wissen’):
Danach folgt der Kommentar zum/zur Referent:in (‘gefällt mir nicht).
Die einzelnen Aussagen werden durch die wechselnde Stellung von Oberkörper und Kopf differenziert.
IXa BROT IXa (Mit NMK-Mimik: GESTERN ICH KAUFEN IXa) FEIN (Geste: sehr) || 00:00-00:07
‘Das Brot, das ich gestern gekauft habe, ist sehr fein.’
Mimische Hinweise auf einen Relativsatz können subtiler ausfallen und von anderen Intentionen überlagert sein:
Satz 1: VERGANGENHEIT SOMMER FERIEN | ICH IXa HOTEL IXa WEILENa ||
‘Die letzten Sommerferien habe ich im Hotel verbracht.’
Satz 2: POSS-1 MUTTER IX-3 VORSCHLAGEN IXa HOTEL || 00:00-00:10
‘Meine Mutter hatte mir dieses Hotel vorgeschlagen.’
Satz 3: VERGANGENHEIT SOMMER FERIEN ICH IXa HOTEL | (mit NMK-Mimik: IXa POSS-1 MUTTER VORSCHLAGENa IXa) | ICH IXa WEILEN FERIEN IXa || 00:17-00:24
‘(1) Die letzten Sommerferien habe ich in dem Hotel, (2) das mir meine Mutter vorgeschlagen hatte, (1) verbracht.’
Die einzelnen Satzteile sind durch unterschiedliche Mimik und Stellung von Kopf und Oberkörper gekennzeichnet, wie in folgendem Beispiel erläutert wird:
IXa BROT IXa (Mit NMK-Mimik: GESTERN ICH KAUFEN IXa) FEIN (Geste: sehr) || 00:00-00:07
‘Das Brot, das ich gestern gekauft habe, ist sehr fein.’
Mimische Hinweise auf einen Relativsatz können subtiler ausfallen und von anderen Intentionen überlagert sein:
IXa HEMD IXa NEU (Mit NMK-Mimik: DU GESTERN KAUFEN IXa) IXa ICH GEFALLEN NICHT || 00:04-00:06
‘Das neue Hemd, das du ja gestern gekauft hast, gefällt mir nicht.’
Der/die eingeführte Referent:in (das neue Hemd) (Topikalisierung) wird durch den Relativsatz spezifiziert (‘das du gestern gekauft hast’). Der Bezug wird durch die leicht geschlossenen Augen hergestellt. Das Kopfnicken bringt das gemeinsame Vorwissen zum Ausdruck (‘wie wir beide wissen’):
Danach folgt der Kommentar zum/zur Referent:in (‘gefällt mir nicht).
Die einzelnen Aussagen werden durch die wechselnde Stellung von Oberkörper und Kopf differenziert.
Massstab oder Perspektive sind an der Rollenübernahme beziehungsweise am Rollenwechsel, am Blick und an der Art und Weise der Beschreibung des Raumes erkennbar:
(a) 00:20-00:28
In diesem Beispiel (a) begegnen sich ein Käfer und eine Schnecke, sie grüssen sich und gehen weiter.
Beide zusammen nehmen den gesamten Raum in Anspruch, werden also beide um etwa Faktor 50 vergrössert. Das Grössenverhältnis zwischen den beiden entspricht jedoch der Realität.
Die gebärdende Person übernimmt in diesem Beispiel die Rollen beider Referent:innen, ahmt die jeweilige Art der Fortbewegung nach und ändert mit dem Rollenwechsel auch die Blickrichtung.
Im folgenden Beispiel (b) nimmt die gebärdende Person auch eine Teilnehmenden-Perspektive ein, die hier auch als Innenperspektive gedacht werden kann, indem sie Teil des realen Raumes ist, in welchem die relative Grösse der Objekte der Realität entspricht.
(b) 00:05-00:13
Der reale Raum kann im Gebärdenraum in unterschiedlichem Massstab und aus unterschiedlicher Perspektive abgebildet werden. Nimmt die gebärdende Person eine Erzähl-Perspektive ein, so ist ihr Blickwinkel weiter. Wählt sie jedoch einen Ausschnitt, so zoomt sie diesen sozusagen heran und hat selbst Anteil am Raum.
Der globalen Verortung liegt die Vorstellung der Weltkugel in ihrer Dreidimensionalität zugrunde.
Die Schilderung einer Weltreise mit Start in der Schweiz über Russland und China nach Australien sieht folgendermassen aus:
(a) 00:12-00:22
Die gebärdende Person stellt die Referent:innen und ihre Bezüge immer aus der Perspektive ihres aktuellen Standorts dar. Wäre dies Australien, würde sie die Route Richtung Schweiz folgendermassen ‘zeichnen’:
(b) 00:29-00:34
Die vertikale Verortung (vertikale Ebene im Raum) kommt häufig zum Einsatz. Alle visuellen Darstellungen in zwei Dimensionen (z.B. Bild, Beschreibung, Grafik, Zeichnung oder Landkarte) werden auf einer vertikalen Ebene vor der gebärdenden Person abgebildet. So zum Beispiel in der Schweiz die Strecke Genf – St. Gallen im folgenden Beispiel:
(a) 00:28-00:33
Die gebärdende Person richtet ihren Blick auf die vor ihr liegende imaginäre vertikale Landkarte und verortet Genf im Westen entsprechend links, St. Gallen im Osten rechts. Die Bezüge zwischen den beiden Referent:innen (z.B. die Art und Weise sowie die Form des Pfades, der Fortbewegung beziehungsweise Route) werden ebenfalls auf dieser vertikalen Frontalebene dargestellt.
Die vertikale Verortung kann für ganz Europa und seine verschiedenen Länder verwendet werden.
Angaben zu Organigrammen (b), Familienstammbäumen (c) oder Bildschirmen (d) werden ebenfalls vertikal verortet.
(b) Organigramm: 00:53-01:02
(c) Familienstammbaum: 01:03-01:12
(d) Bildschirm: 01:14-01:21
Die horizontale Verortung (horizontale Ebene im Raum) dient dazu, eine Richtung, eine Route oder die Lage im Raum anzugeben (rechts-links, vorne-hinten usw.). Die gebärdende Person kann dabei unterschiedliche Perspektiven einnehmen. Sie kann Anteil am Raum haben und selbst die Rolle eines/einer Referent:in übernehmen, einen/eine Referent:in also auf den eigenen Körper projizieren (Teilnehmenden-Perspektive). Das Ereignis wird «lebensgross» (aus der Teilnehmenden-Perspektive) dargestellt. Nimmt die gebärdende Person eine distanziertere Perspektive ein (Erzähl-Perspektive), so hat sie konzeptuell keinen Anteil am Raum. Die Strukturierung des Gebärdenraums spiegelt aber die tatsächlichen Positionen der Referent:innen, das Ereignis wird jedoch in verkleinertem Massstab wiedergegeben. Die beiden Perspektiven können kombiniert werden.
Folgendes Beispiel beschreibt eine Szene und ihre räumlichen Verhältnisse aus einer Teilnehmenden-Perspektive im Massstab 1:1. Die gebärdende Person kann die Szene selbst erlebt haben oder Erzähltes wiedergeben:
(a)
Erz: ICH HAUPT BAHNHOF ICH HIER WARTEN | PROD(HB-Halle:geradeaus-lang | ENGEL PROD-hängen(Engel) || Teiln: PROD-schauen(zu Engel) PROD-halten(Arm)-warten | Erz: 3KOMMEN1 POSS-1 FREUND 3KOMMEN1 | Teiln: ICH PROD-umarmen || 00:01-00:12
‘Ich warte in der Halle des Hauptbahnhofs und schaue zum Engel hoch, der an der Decke hängt. Da kommt (endlich) meine Freundin und wir umarmen uns.’
Eine distanziertere Perspektive wird durch die Kombination von Teilnehmenden-Perspektive (auch bekannt als Innenperspektive) und Erzähl-Perspektive (oder Ausssenperspektive) zum Ausdruck gebracht. Die räumlichen Positionen und Bezüge stimmen mit jenen der Realität überein, der Massstab ist jedoch ein anderer (etwa 1:10).
(b)
STRASSE ECKE-linksa (ndH:hold) IXa MIGROS IXa IX(a:vis a vis:b) IXb RESTAURANT | 1BEIDE2 1TREFFEN2 IX3b? || 00:01-00:24
‘An der linken Strassenecke befindet sich die Migros, gegenüber davon ein Restaurant. Wollen wir uns dort treffen?’
In der Erzähl-Perspektive nimmt die gebärdende Person eine noch grössere Distanz ein, sie selbst hat keinen Anteil am topografischen Raum. Sie verortet Positionen und Bezüge auf einer vor ihr ausgebreiteten horizontalen Landkarte. Der tatsächliche Standpunkt der gebärdenden Person liegt dabei in Körpernähe. In folgendem Beispiel ist dies die Schweiz, der Süden liegt entsprechend vorne im Raum, der Westen rechts und der Osten links.
(c)
ICH WILL ZUERST BAHN 1RICHTUNG(gerade-vorne) a ROM IXa DANN WECHSELN PROD-fliegen(Flug a:vorne-b:rechts) aNACHb AMERIKA || 00:01-00:07
‘Ich möchte zuerst mit dem Zug nach Rom fahren und von dort dann ein Flugzeug nach Amerika nehmen.’
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