Die lexikalisierte Gebärde ‚WIE‘ – nicht zu verwechseln mit der Fragegebärde ‚WIE?‘ – leitet einen Vergleich von gleichen Eigenschaften ein. Das Mundbild ‚wie‘ ist dabei fakultativ oder kann durch das Mundbild ‚gleich‘ ersetzt werden.
Durch eine Bewegungsänderung der Gebärde ‚WIE‘ und das Weglassen des Mundbildes wird der Vergleich betont. Es folgt ein Beispiel ohne (a) und eines mit Betonung (b) des Vergleichs:
(a)
POSS-1 KATZE IX(re) LAUFEN WIE FRAU MADAM(mb:fräulein) PROD-MODELLAUFEN II 00:46-00:53
‚Meine Katze tippelt davon wie eine Dame.‘
(b)
POSS-1 CHEF IX(oben-links) AUSSEHEN WIE(Betonung1x) POSS-2 SOHN IX-2 II 00:56-00:59
‚Mein Chef ist deinem Sohn also wirklich wie aus dem Gesicht geschnitten.‘
Die lexikalisierte Gebärde ‚ALS‘ steht immer nach einer Gebärde für eine Eigenschaft wie ‚gross‘, ‚klein‘, ‚schnell‘, ‚langsam‘ usw.
‚ALS‘ kann auch mit den Gebärden ‚MEHR‘ und ‚WENIGER‘ kombiniert werden:
(a) ‚lustiger als‘ 00:23-00:25
(b) ‚weniger lustig als‘ 00:26-00:28
Die lexikalisierte Gebärde ‚ALS‘ kann modifiziert werden, indem die Bewegung in Richtung zweite Verortung ausgeführt wird.
Nicht modifizierte Gebärde ‚ALS‘
(c)
BUB IX(rechts) MÄDCHEN IX(links) GROSS(mb:grosser) ALS IX(rechts) II 00:25-00:29
‚Das Mädchen ist grösser als der Junge.‘
Bei Verwendung der nicht modifizierten Gebärde ‚ALS‘ wird auf die beiden zuvor verorteten Referent:innen indexiert.
Modifizierung der Gebärde ‚ALS‘
(d)
BUB IX(re) MÄDCHEN IX(li) GROSS(mb:grosser) ALS(links > rechts) IX(re) 00:37-00:41
‚Das Mädchen ist grösser als der Junge.‘
In diesem Beispiel verläuft die Bewegung der Gebärde ‚ALS‘ vom Lokus der erstgenannten Referentin (‚Mädchen‘) in Richtung Lokus des zweitgenannten Referenten (‚Junge‘); der Zeigfinger richtet sich also auf den zweiten Referenten aus. Dies macht eine zusätzliche Indexierung auf die beiden Referent:innen überflüssig.
Weglassen der Gebärde ‘ALS’
Die lexikalisierte Gebärde ‘ALS’ kann weggelassen werden, wenn im Vergleich von Massangaben der Unterschied mittels entsprechender Handformen (Höhe, Breite, Länge etc.) visualisiert wird:
(d)
BUB IX(rechts) MÄDCHEN IX(links) GROSS(li) PROD-MASS“grösser“(li) PROD-MASS“kleiner“(re) 00:58-01:01
Der Grössenunterschied wird hier allein durch die unterschiedliche Positionierung der Handform auf der vertikalen Ebene und dem begleitenden Mundbild ‚grösser‘ vermittelt.
Die lexikalisierten Gebärden ‘MEHR’ und ‘WENIGER’ können ein- oder zweihändig ausgeführt werden:
(a) ‘MEHR’ 00:03-00:07
(b) ‘WENIGER’ 00:07-00:09
Es gibt auch noch weitere, nicht lexikalisierte Gebärden für die Aussagen ‚mehr‘ und ‚weniger‘, welche jedoch kontextabhängig ausgeführt werden und hier nicht Thema sind.
Im folgenden Beispiel werden die lexikalisierten Gebärden ‘MEHR’ und ‘WENIGER’ benutzt:
(c)
SCHULE GEBÄUDE(a: re) GEBÄUDE(b: li) IXa MEHR SCHULE(mb:schüler) IXb WENIGER SCHULE(mb:schüler) 00:26-00:31
‚In der Schule A gibt es mehr Schüler:innen als in der Schule B.‘
Vergleiche beider Kategorien werden umgesetzt mittels:
– lexikalisierter Gebärden
– Verortung der (mindestens) zwei Referent:innen im Raum, damit beim Vergleichen auf sie verwiesen werden kann
– nichtmanueller Komponenten
Dazu ein Beispiel, in welchem drei Referent:innen (in der Übersetzung als X, Y, Z bezeichnet) miteinander verglichen werden:
(a)
NMK: schütteln bejahen schütteln
MK: IX(a:rechts) IX(b:mitte) IX(c:links) KEIN
00:36-00:38
‘X nein (besitzt die Eigenschaft nicht), Y ja (besitzt die Eigenschaft),
Z nicht (besitzt die Eigenschaft nicht).
Das Beispiel zeigt die Kombination aller drei Möglichkeiten gut auf: Die Referent:innen sind im Raum unterschiedlich verortet. Mittels nichtmanueller Komponenten (bejahen/verneinen) und lexikalisierter Gebärden (‘KEIN’, kombiniert mit nichtmanuellen Komponenten) wird erklärt, welche/r Referent:in die Eigenschaft besitzt und welche/r nicht.
Verschiedene Referent:innen können sich durch den Grad einer Eigenschaft unterscheiden. In folgendem Beispiel werden unterschiedliche Referent:innen anhand des Grades der Farbe rot miteinander verglichen; dazu werden sie an unterschiedlichen Orten im Raum platziert:
(a)
POSS-1 BUCH PROD-BUCHDECKEL ROT –LEUCHTEND ALS ANDERS(re:++) II 00:20-00:24
Der Umschlag meines Buches ist viel roter als diejenigen anderer Bücher.
Sowohl für das Vergleichen des Grades einer Eigenschaft sowie für das Vergleichen von unterschiedlichen/entgegengesetzten Eigenschaften existieren einige lexikalisierte Gebärden.
Die Nutzung des Raums setzt mindestens zwei Referent:innen voraus, die miteinander verglichen werden. Die Referent:innen werden zunächst an unterschiedlichen Orten im Raum platziert und können anschliessend miteinander verglichen werden (ein typischer räumlicher Kontrast ist der zur linken und rechten Seite des Gebärdenraums). Um sie korrekt voneinander abzugrenzen, muss auf die entsprechenden, zuvor bestimmten Loki Bezug genommen werden.
Die Referent:innen können sowohl auf einer horizontalen wie auch auf einer vertikalen Ebene vor der gebärdenden Person verortet werden:
Verortung auf horizontaler Ebene
Verortung auf vertikaler Ebene
Zur Verortung auf der vertikalen Ebene ein Beispiel, in welchem unterschiedliche Regierungsformen miteinander verglichen werden:
(a)
POLITISCHES SYSTEM
SPALTE(vertikal-rechts) DIKTATUR SPALTE(vertikal-mitte) DEMOKRATIE SPALTE(vertikal-links) KÖNIG REICH WIE IX (vert.-li) IX (vert.-re) IX (vert.-mi, -li) 00:44-00:49
Die Diktatur wird auf der linken Seite, die Demokratie vor und die Monarchie rechts der gebärdenden Person verortet. Anschliessend können die unterschiedlichen Regierungsformen miteinander verglichen werden, indem auf die entsprechenden Loki verwiesen wird.
Eine weitere Möglichkeit, einen Vergleich anzuzeigen, besteht darin, den Oberkörper zu verlagern (transversal von rechts nach links oder sagittal von hinten nach vorne) und die Gebärden jeweils an jenem Ort im Raum auszuführen, an welchem der/die Referent:in zuvor verortet wurde. Die Verlagerung des Oberkörpers auf der Sagittalebene kommt bei Zeitangaben zur Anwendung. Dazu ein Beispiel, in welchem auf eine Epoche Bezug genommen wird:
(b)
KÖNIG IX(vert.-rechts) VERGANGENHEIT KEIN(Oberkörper:hinten) …. 01:07-01:09
‚Damals gab es keine Monarchie.‘
Der Oberkörper wird auf der rechten Seite im Gebärdenraum – dort, wo zuvor die Monarchie verortet wurde – zurückgeneigt und die Gebärde ‚KEIN‘ wird auf dieser Seite und in dieser Position ausgeführt.
Im Folgenden geht es um das Vergleichen, also das Aufzeigen von Gemeinsamkeiten, Gegensätzen oder Unterschieden zwischen verschiedenen Qualitäten und Quantitäten von Personen, Gegenständen, Ideen, von Raum oder Zeit. Dabei kann auf unterschiedliche beziehungsweise entgegengesetzte Eigenschaften fokussiert werden (z.B. Thema Farbe: X ist rot, Y ist grün) oder aber auf den unterschiedlichen Grad einer Eigenschaft (Stärke der Farbe rot: X ist rot, Y ist knallrot).
Beide Kategorien von Vergleichen können nutzen:
– lexikalisierte Gebärden
– die Anordnung der im Raum und die entsprechende Indexierung
– und/oder nichtmanuelle Komponenten
Namensgebärden haben für die sprachlich-kulturelle Minderheit gehörloser Personen einen enorm hohen Stellenwert. Sie schaffen Identität und bestätigen die Zugehörigkeit zur dieser Gemeinschaft.
Jede Namensschöpfung braucht ihre Zeit, denn sie muss erst durch unterschiedliche Quallen, wie oben beschrieben, inspiriert werden.
Immer mehr hörende Personen, welche im Gehörlosenwesen aktiv sind, sind ebenfalls an einer Namensgebärde interessiert. Dies braucht aber auch Zeit und Geduld und es muss respektiert werden, dass die Namenschöpfung voraussetzt, dass sich hörende und gehörlose Personen erst gegenseitig kennenlernen, bei der Arbeit gemeinsam Zeit verbringen, im Austausch sind und dadurch Vertrauen aufgebaut werden kann.
Hörende, nicht im Gehörlosenwesen tätige Personen, erhalten dann Namensgebärden, wenn sie für gehörlose Personen von Bedeutung sind (öffentliche Personen, Informationsquellen). Sie wissen aber nicht über ihre Namensgebärden Bescheid, diese dienen nur dazu, dass sie für die Gemeinschaft der Gehörlosen identifizierbar sind.
Das Bekunden von Respekt, eine wertschätzende Haltung und Geduld sind wichtige Voraussetzungen für das Erhalten einer Namensgebärde.
Um einen Nachnamen besser ablesen zu können, wird oft ein Teil davon durch eine inhaltlich entsprechende Gebärde visualisiert:
(a) Nachname ‚Tischler‘ 00:28-00, 00:30
Der Nachname wird durch die Gebärde ‘TISCH’ visualisiert und vom Mundbild ‘Tischler’ begleitet.
(b) Nachname ‚Müller‘ 00:34-00, 00:36
Der Nachname wird durch die Gebärde ‘MAHLEN visualisiert und vom Mundbild ‘Müller begleitet.
Diese Visualisierung ist auch bei zusammengesetzten Nachnamen hilfreich:
(b) Nachname ‚Glasmann‘ 00:41-00, 00:43
Der Nachname wird durch die Gebärden ‘GLAS’ und ‘MANN’ visualisiert und vom Mundbild ‘Glasmann begleitet.
Namensgebärden werden meist durch das Mundbild des Vornamens begleitet
(a) ‚Markus‘ 00:11-00, 00:12
(b) ‚Ursula‘ 00:12-00, 00:13
(c) ‚Regula‘ 00:14-00, 00:15
Bei häufigen Vornamen wie ‘Markus’ wird zur Unterscheidung der bezeichneten Personen auf dem Mundbild zusätzlich der Nachname angezeigt:
(d) ‚Markus Meier‘ 00:30-00, 00:31
(e) ‚Markus Müller‘ 00:32-00, 00:33
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