Mittels sogenannter Zeitlinien lässt sich Zeit im Raum darstellen. Es lassen sich damit präzise Zeitpunkte, mehr oder weniger genaue Zeitangaben (zum Beispiel ‘Um ca. zwei Uhr’), eine bestimmte Zeitdauer sowie Vor- und Nachzeitigkeit ausdrücken. Im Folgenden werden fünf verschiedene Zeitlinien unterschieden und weitere Raum-Zeit-Techniken erläutert.

Um eine Zeitangabe oder Zeitdauer noch klarer auszudrücken, wird nebst lexikalisierten Gebärden und nicht-manuellen Markern auch der Gebärdenraum genutzt.

Folgende drei Techniken werden unterschieden: Horizontal verlaufende Zeitlinien, Kombination dieser Zeitlinien und Darstellung der Zeit auf einer Vertikalen.

Im Folgenden werden die verschiedenen Techniken erläutert.

Eine abgeschlossene Handlung wird durch die lexikalisierte Gebärde ‘FERTIG’ oder ‘SCHON’ – mit oder ohne Mundbild (‘fertig’, ‘schon’) – angezeigt.

Die Gebärde ‘SCHON’ folgt meist nach der Handlung, kann aber auch vor dem Verb stehen.

FERTIG/SCHON (ohne Mundbild, mit Mundbild ‘fertig’, mit Mundbild ‘schon’ – 00:14-00:17

 

Eine noch andauernde Handlung muss nicht speziell gekennzeichnet werden, das Andauern kann aber durch die lexikalisierte Gebärde ‘NOCH’ verdeutlicht werden.

NOCH00:29-00:30

 

Im Folgenden illustrieren die Beispiele, wie ‘FERTIG’/’SCHON’ und ‘NOCH’ in Satzstrukturen integriert sind:

 

(a) Handlung ohne Hinweis auf Abschluss

ICH BUCH LESEN ||00:35-00:38

‘Ich lese ein Buch.’

 

(b) Nicht-abgeschlossene Handlung (Frage-Antwort-Interaktion)

Frage:

DU  BUCH  LESEN  SCHON  DU jn?01:03-01:06

‘Hast du das Buch (schon) gelesen?’

Antwort:

ICH  NOCH-NICHT  |  ICH  NOCH  LESEN  ||01:07-01:10

‘Nein, ich habe es noch nicht gelesen. Ich bin noch am Lesen.’

 

(c) Abgeschlossene Handlung

ICH  BUCH  LESEN  FERTIG ||00:44-00:48

‘Ich habe das Buch gelesen.’

 

(d) Abgeschlossene Handlung (Frage-Antwort-Interaktion)

Frage:

DU  BUCH  FERTIG  LESEN  DU jn?00:54-00:56

‘Hast du das Buch (schon) gelesen?’

Antwort:

ICH  FERTIG  LESEN  ||00:57-00:58

‘Ja, ich habe es gelesen.’

Lexikalisierte Gebärden wie ‘IMMER’, ‘OFT’, ‘MANCHMAL’/’AB UND ZU’ geben die Häufigkeit einer Handlung an. Sie beziehen sich auf ein Verb.

 

(a) IMMER00:08

(b) OFT00:09-00:10

(c) MANCHMAL00:10-00:11

 

Dazu nachfolgende Beispiele:

 

ICH  IMMER  DONNERSTAG  ARBEITEN  ||00:13-00:16

‘Ich arbeite immer donnerstags.’

 

Dieser Satz drückt eine Regelmässigkeit aus: Es wird jeden Donnerstag gearbeitet. Derselbe Inhalt kann etwas anders ausgedrückt werden. Der Satzbau verändert sich entsprechend:

ICH  DONNERSTAG  ARBEITEN  REGELMÄSSIG  ||00:31-00:34

‘Ich arbeite immer donnerstags.’

 

Die Gebärde ‘REGELMÄSSIG’ wird gleichzeitig mimisch mit geschlossenen Lippen und aufgeblasenen Wangen begleitet. Diese Kombination aus Gebärde und Mimik ergibt ein Synonym für ‘immer. Die Gebärde ‘IMMER’ wird in diesem Beispiel weggelassen. Eine weitere mögliche Satzstruktur ist folgende:

 

ICH  IMMER  DONNERSTAG  ARBEITEN  REGELMÄSSIG  ||00:43-00:46

‘Ich arbeite immer donnerstags.’

 

In diesem Beispiel werden sowohl die Gebärde ‘IMMER’ als auch die Gebärde ‘REGELMÄSSIG’ (mit entsprechender Mimik, am Satzende) benutzt. Diese Kombination wird verwendet, wenn die Regelmässigkeit einer bestimmten Handlung betont werden soll.

Eine bestimmte Bewegungsausführung der Gebärde für eine konkrete Zahl ermöglicht es, die Uhrzeit auf eine verkürzte Art und Weise darzustellen. Hierzu ein paar Beispiele:

 

(a) ZEHN  NACH  VIER-UHR00:13-00:15

 

Bei ‘VIER’ erfolgt eine schnelle wiederholte horizontale Hin- und Herbewegung, welche stellvertretend für die Uhrzeit steht. Die Gebärde ‘UHR’ wird dabei durch die Realisierung des Mundbilds ‘fir ur’ ersetzt, welches bei dieser reduzierten Form obligatorisch ist. Ein weiteres Beispiel:

 

(b) ZWANZIG  VOR  DREI-UHR00:35-00:38

 

Hier wird bei DREI die wiederholte Horizontalbewegung produziert und durch die Mundbilder ‘tswanzi for drei ur’ begleitet.

In der DSGS gibt es lexikalisierte Gebärden sowohl für die analoge wie auch für die digitale Uhrzeit. Es wird jedoch mehrheitlich die analoge Uhrzeit benutzt und dabei auf die Form oder Art der Uhr Bezug genommen.

 

Lexikalisierte Gebärden für Uhrzeiten geben die halbe Stunde (‘HALB’), die volle Stunde (‘PUNKT’) sowie die Anzahl Minuten vor (‘VOR’) oder nach (‘NACH’) der vollen Stunde an.

 

(a) HALB – 00:23

(b) PUNKT – 00:25

(c) VOR, NACH – 00:26-00:28

 

Die Uhrzeit kann linear dargestellt werden, wie in den folgenden zwei Beispielen aufgezeigt:

 

(d) ZEHN  NACH  VIER  UHR00:32-00:34

 

Hier werden die Gebärden ‘ZEHN’, ‘NACH’, ‘VIER’ und ‘UHR’ aufeinanderfolgend produziert. Ebenso im folgenden Beispiel:

 

(e) DREIUNDZWANZIG  VOR  ZEHN  UHR00:36-00:40

 

Die digitale Uhrzeit, um beispielsweise die Abfahrtszeit eines Zuges oder eine ganz präzise Zeit anzugeben, wird mit Zahlen und Doppelpunkt dargestellt, wie in folgenden Beispielen ersichtlich:

 

(f) DREIUNDZWANZIG  DOPPELPUNKT  FÜNFZEHN00:52-00:55

(g) DREIUNDZWANZIG  DOPPELPUNKT … – 00:55-00:59

Bei der Inkorporation von Zahlen werden die lexikalisierten Gebärden für Zeitangaben wie ‘JAHR’, ‘MONAT’, ‘WOCHE’, ‘STUNDE’ mit Zahlen verknüpft. Die jeweilige Zeiteinheit und ihre konkrete Anzahl können somit zeitgleich produziert werden.

Aufgrund phonetischer Beschränkungen können für die Zeiteinheit Jahre nur die Zahlen 1-5 inkorporiert werden, bei den Monaten ist die Inkorporation von Zahlen bis 10 möglich.

Für die Zeiteinheiten Tage, Sekunden und Minuten werden keine Inkorporationen vorgenommen.

 

Folgende Beispiele veranschaulichen die Inkorporation von Zahlen in Zeiteinheiten:

 

(a) DREI-JAHR00:22-00:29

‘drei Jahre’

 

Hier bildet die aktive Hand die Handform der Gebärde ‘DREI’  und führt gleichzeitig die Bewegung der Gebärde ‘JAHR’ aus, während die passive Hand die Handform der Gebärde ‘JAHR’ hält wie bei der nicht inkorporierten Variante.

 

(b) ZWEI-WOCHE00:32-00:36

‘zwei Wochen’

 

In diesem Beispiel bildet die aktive Hand die Gebärde ‘ZWEI’ und führt gleichzeitig die Bewegung der Gebärde ‘WOCHE’ aus, während die passive Hand dieselbe Handform hält wie bei der nicht inkorporierten Variante.

Lexikalisierte Zeitgebärden wie ‘GESTERN’, ‘MORGEN’ oder ‘ÜBERMORGEN’ werden in der Regel an den Satzanfang gestellt. Wenn in einer neuen Phrase eine neue Zeitinformation auftaucht, wird diese durch die entsprechende Gebärde signalisiert.

 

Nachfolgend einige Beispiele zur Stellung von Zeitangaben im Satz:

 

MORGEN  1BEIDE2  HAUPT BAHNHOF  IXa  ZÜRICH  TREFFEN||  – 00:03-00:07

Wir (beide) treffen uns morgen am Hauptbahnhof Zürich.

 

Die Zeitangabe ‘morgen’ wird an den Satzanfang gestellt, anschliessend folgt die Handlung.

 

Es können auch zwei Zeitangaben an den Satzanfang gestellt werden. Der Satzbau gestaltet sich dabei folgendermassen:

 

MORGEN  FÜNF-UHR  1BEIDE2  IXa  ZÜRICH  TREFFEN||  – 00:16-00:22

‘Morgen um fünf Uhr treffen wir (beide) uns am Hauptbahnhof Zürich.’

 

Dieses Beispiel enthält zwei Zeitangaben; ‘morgen’ und die genaue Uhrzeit.

 

 

Um eine bestimmte Zeitangabe zu betonen, kann folgende Satzstruktur verwendet werden:

 

MORGEN  1BEIDE2  HAUPT BAHNHOF ZÜRICH  IXa TREFFENa  |  FÜNF-UHR ||  – 00:30-00:37

‘Morgen treffen wir (beide) uns um fünf Uhr (!) am Hauptbahnhof Zürich.’

 

 

Hier wird die Zeitangabe ‘FÜNF-UHR’, auf welcher die Betonung liegt, an den Schluss gestellt.

 

 

Das folgende Beispiel zeigt, dass eine einmal angegebene Zeit nicht für jede folgende Handlung bzw. jeden folgenden Satz wiederholt werden muss, wie dies im Deutschen der Fall ist (Zeitflexion aller Verben). Erst wenn eine neue Zeitangabe folgt, dann wird diese hinzugefügt.

 

VERGANGENHEIT  ICH  BESUCHEN  SCHULE  |  LAUFEND  AUFWACHSEN ZL-Alter |  GUT  GEFALLEN  AUSTAUSCHEN  ||  JETZT  ICH DENKEN  1SCHAUEN-ZURÜCK  |  SCHÖN  ZEIT ||  – 00:01-00:14

‘Was mir an meiner gesamten Schulzeit gut gefallen hat, war der Austausch mit meinen Mitschüler:innen. Heute erinnere ich mich gerne an diese Zeit zurück.’

 

 

Dauert eine Erzählung an, so kann in deren Verlauf eine bereits produzierte Zeitgebärde wiederholt werden, um die zeitliche Verortung zu bestätigen.

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