Die Art und Weise der Bewegung bei der Ausführung der Zahleninkorporation informiert darüber, ob die gebärdende Person auch in die Gruppe eingeschlossen ist oder ob mehrere Gruppen (‘ihr’ und ‘sie’) zu einer grösseren Gruppe zusammengeschlossen werden.
Im folgenden Beispiel zunächst eine Äusserung im exklusiven Plural, in welchen weder die gebärdende Person noch der/die Adressat:in eingeschlossen sind:
(a) ‘sie/die 5er-Gruppe’ 00:29-00:30
Berührt die kreisende Bewegung der Hand den Oberkörper der gebärdenden Person, dann ist sie in die Gruppe eingeschlossen, es handelt sich also um einen inklusiven Plural:
(b) ‘5er-Gruppe inkl. ich’ 00:31-00:32
Wenn die Bewegung die räumlichen Bezugspositionen sowohl der zweiten als auch der dritten Person einschliesst, dann werden diese als zu einer Gruppe gehörig bezeichnet:
(c) ‘5er Gruppe bestehend aus euch und ihnen’ 00:41-00:42
Wenn die Bewegung der Gebärde eine Berührung mit dem Oberkörper der gebärdenden Person beinhaltet, wird auch diese in die Gruppe einbezogen:
(d) ‘5er Gruppe bestehend aus euch und mir’ 00:48-00:50
Bewegung, Position und Körperkontakt geben somit Auskunft darüber, wer Teil der Gruppe ist. (Inklusiver vs. Exklusiver Plural)
Die Pluralpronomen machen keine Angaben zur genauen Anzahl der enthaltenen Referent:innen. Gruppierungen bis zu fünf können jedoch durch die Inkorporation der entsprechenden Zahl dargestellt werden.
Nachfolgend einige Beispiele, wie diese Inkorporationen ausgeführt werden:
(a)
IX-3pl(Zahl-fünf) 00:20-00:42
Bei Gruppen von über fünf Referent:innen wird die entsprechende Zahlgebärde dem Pluralpronomen vorangestellt: Ein Beispiel:
(b)
SIEBEN IX-3pl
SIEBEN PERSONpl IX-3pl
SIEBEN IX-2pl
SIEBEN PERSONpl IX-3pl
Wenn mehrere Referent:innen verortet werden sollen, so geschieht dies an unterschiedlichen Stellen (Loki) im Gebärdenraum. Rechtshänder:innen setzen Indexe eher vor dem Körper bis rechts im Gebärdenraum, bei Linkshänder:innen verhält es sich genau umgekehrt.
Die nichtdominante Hand (ndH) kann das Indexieren auf zuvor mit der dominanten Hand (dH) verortete und indexierte Referent:innen übernehmen. Zur Verdeutlichung ein Beispiel:
(a)
dH: POSS-1CHEF IX-3 NICHT DA | SELBER3 NICHT EINVERSTANDEN | HEUTE FREI || 00:28-00:37
ndH: IX-3(hold) –––––––––––––––––––––––––––––––––––––––– ||
Mein Chef ist nicht da. Er ist nicht einverstanden, dass wir heute frei nehmen.
In diesem Beispiel wird der ‘Chef’ zunächst mit der dH verortet und indexiert. Anschliessend übernimmt und hält die ndH den Index (‘er’). Das Halten (hold) durch die ndH dient dabei als Orientierungspunkt. Während mit der dH weiter gebärdet wird, bleibt ersichtlich, welcher Teil der Aussage sich auf den Chef bezieht. Die gehaltene Indexierung durch die ndH wird als Boje bezeichnet. Wie eine schwimmende Boje ein Schiff an Ort und Stelle hält, so hält diese Boje die Referenz über mehrere mit der dH ausgeführte Gebärden hinweg aufrecht. Das gleichzeitige Benutzen der dH und ndH macht die Kommunikation effizient und stellt stets klar, auf welche Referent:in Bezug genommen wird.
Die Gebärde ‘SELBER’ kann auch eine reflexive Bedeutung haben (analog zum Reflexivpronomen im Deutschen). Sie betont dann, dass eine Handlung von der handelnden Person selbst ausgeführt wird. Die Gebärde ‘SELBER’ wird an jenem Lokus produziert, an dem zuvor die Person verortet wurde. Dazu ein Beispiel:
(a)
EIN MÄDCHEN KLEIN IX-3 SELBER3 PROD-waschen(Gesicht) II 00:11-00:16
‘Ein kleines Mädchen wäscht sich sein Gesicht.’
Hierzu ein Satzbeispiel:
(b)
GESTERN POSS-1 FREUND ICH IX-3 1TREFFEN3a |
(mit NMK-Mimik diese! SELBER3) ) ICH KENNEN 1BEIDE3 AUFWACHSEN || 00:12-00:20
‘Gestern habe ich meine Freundin getroffen, die ich von klein auf kenne.’
Der Bezugsindex nimmt innerhalb eines Satzes die Funktion eines Relativpronomens ein. Der Index wird von einer bestimmten Mundform und Kopf- und Oberkörperhaltung begleitet:
(a)
Blickrichtung/Mimik: ix-3 (bestimmt/diese!)
Hände: IX-3 00:00-00:04
Ein Bezugsindex verbindet zwei Hauptsätze (b) zu einem Satzgefüge (c):
(b)
Satz 1: GESTERN POSS-1 FREUND IX-3 ICH 1TREFFEN3 ||
Satz 2: IX-3ICH KENNEN SCHON VERGANGENHEIT(mb:lange) || 00:30-00:37
‘Gestern habe ich meine Freundin getroffen. Ich kenne sie schon lange.’
Nichtmanuelle Komponenten markieren den Unterschied zwischen dem Hauptsatz (1) und dem eingebetteten Relativsatz (2).
(c)
GESTERN POSS-1 FREUND | (mit NMK-Mimik: ICH IX-3 ICH KENNEN VERGANGENHEIT(mb:schonlang) AUFWACHSEN) | ICH 1TREFFEN3 || 00:43-00:50
Satz (1): Kinn: hoch Satz (2): Kopf hinten+Mimik gespannt Satz (1) Kinn: hoch
‘(1) Gestern habe ich meine Freundin, (2) die ich schon seit meiner Kindheit kenne, (1) getroffen.’
Der Bezugsindex liefert also zusätzliche Informationen zur/zum eingeführten Referent:in und leitet einen Relativsatz ein.
Zur Veranschaulichung ein weiteres Beispiel zweier Hauptsätze (d), die mittels Bezugsindex zu einem Satzgefüge (e) zusammengeführt werden:
Formelles Register:
Das benutzte Sprachregister manifestiert sich in der Handform, mit welcher die Personalpronomen gebildet werden. In einem formellen Register (z.B. Vorlesung, besonderer Anlass, Anwesenheit spezieller Gäste) wird anstelle des Index die flache Hand mit Handfläche nach oben verwendet:
IX-2(Hf-B)
IX-3(Hf-B)
Privates Register:
In einem intimen beziehungsweise privaten Register oder beim ‘Flüstern’ zeigt sich ein Personalpronomen diskreter. Der Index wird weiter unten im Raum, näher am Körper und in einem kleineren Radius, also weniger offensichtlich, ausgeführt. Auf dieselbe Weise kann auch mittels ausgestrecktem Daumen auf eine anwesende Person referenziert werden.
IX-3(Hf-A)
Möglich ist das Referenzieren in diesem Register auch alleine durch die Blickrichtung, wie folgendes Beispiel zeigt:
(a)
Blickrichtung: ix-3
Hände: SCHWANGER || 00:58-01:00
‘Sie ist schwanger.’
Personalpronomen sind bestimmte Pronomen. Sie beziehen sich entweder auf in der Kommunikationssituation anwesende oder auf zuvor eingeführte Referent:innen. Unbestimmte Pronomen stehen stellvertretend für nicht näher identifizierbare, also allgemeine beziehungsweise beliebige Referent:innen.
Das Hinweisen auf bestimmte Referent:innen kann mit unterschiedlichem Nachdruck erfolgen.
Folgende Mimik und die Wiederholung der hinweisenden Bewegung betonen, dass auf diese/n (!) Referent:in Bezug genommen wird:
(a) ‘Diese (!)’ 00:41-00:46
Das Hinzufügen der Gebärde ‘PERSON’ kann die Betonung ebenfalls verstärken:
(b) ‘Diese (!!) Person’ 00:57-00:58
Soll noch stärker betont werden, dass genau diese/r Referent:in gemeint ist, wird ergänzend die Gebärde ‘SELBER’ hinzugefügt:
(c) ‘Diese (!!!) Person’ 01:05-01:07
Die Gebärden ‘PERSON’ und ‘SELBER’ können in dieser Reihenfolge hinzugefügt werden, um die Betonung zu verstärken. Es ist aber auch möglich, sie je einzeln mit der beschriebenen Mimik und Bewegungswiederholung zu kombinieren.
Unbestimmte Pronomen werden durch die folgende Mundform, Mimik und Gestik (leichtes PALM-UP) und Bewegung von Kopf und Oberkörper markiert, welche Nichtwissen ausdrücken:
(d) Unbestimmter Referenzwert
PALM-UPup IX-3 01:31-01:32 / 01:34-01:36
(e) Unbestimmter Referenzwert
Der Indexfinger H kann auch durch die Gebärde ‘PERSON’ ersetzt werden:
PALM-UPup PERSON 01:43-01:45
In beiden Varianten (d) und (e) drückt die nichtwissende Mimik und Gestik (leichtes PALM-UP) aus, dass der/die Referent:in nicht näher identifizierbar ist. Eine weitere Möglichkeit zeigt folgendes Beispiel, in welchem die Gebärde ‘EIN’ von Kopfschütteln begleitet wird:
(f) Irgendein Mann:
PALM-UPup EIN(schütteln) MANN
PERSON oder IX-3 02:02-02:06
Ein Personalpronomen muss nicht zwingend mit dem ausgestreckten Zeigefinger gebildet werden. Im Plural kann die 5-Handform verwendet werden.
(a)
IX-1pl IX-1pl(Hf-5) 00:18-00:23
‘wir’
(b)
IX-3pl IX-3pl(Hf-5) 00:24-00:27
‘sie’
(c)
IX-2pl IX-2pl(Hf-5) 00:24-00:27
‘ihr’
Mögliche Variationen von ICH 00:44-00:48
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