Von den lexikalisierten Modalverben (siehe Kapitel 7) ‘MÜSSEN’, ‘DÜRFEN’, ‘KÖNNEN’, ‘WOLLEN’, ‘SOLLEN’ und ‘MÖCHTEN’ ist nur das Verb ‘KÖNNEN’ in der Lage, die Verneinung zu inkorporieren.

 

(a) MÜSSEN – 00:08-00:09

‘muss’

 

(b) DÜRFEN – 00:09-00:10

‘darf’

 

(c) KÖNNEN – 00:10-00:11

‘kann’

 

(d) WOLLEN – 00:12-00:14

‘will’

 

(e) SOLLEN – 00:14-00:15

‘soll’

 

(f) MÖCHTEN – 00:15-00:16

‘möchte’

 

Die inkorporierte Verneinung des Modalverbs ‘KÖNNEN’ sieht folgendermassen aus:

(c) KÖNNEN-NICHT00:38-00:40

‘Ich kann nicht.’

 

Die inkorporierte Verneinung zeigt sich in der (einhändig oder zweihändig ausgeführten) α-Bewegung der Handform.

 

Die zusätzliche Gebärde ‘NICHT’ (gebildet mit der Zeigefinger-Handform oder der offenen Hand) ist nicht erforderlich, aber erlaubt:

 

2 Versionen: 1H:KANN-NICHT    2H:KANN-NICHT

‘Ich kann nicht.’

– 00:51-00:53
– 00:53-00:55

 

Alle anderen Modalverben benötigen für eine Verneinung zusätzlich die verneinende Gebärde (mit oder ohne Mundbild):

 

– 01:06-01:09

 

nmk:          schütteln              

z.B.   MÜSSEN  /  DÜRFEN

Eine noch nicht abgeschlossene oder noch nie ausgeführte Aktion / Handlung kommt einer Verneinung gleich. Dabei zeigt der Begriff ‘noch’, kombiniert mit ‘nicht’ oder ‘nie’ an, dass etwas bis zum jetzigen Zeitpunkt nicht beendet wurde und lässt offen, ob es zu einem Abschluss kommen wird oder nicht.

 

In DSGS existiert die lexikalisierte Gebärde ‘NOCH’. Diese macht aber nur Sinn in Aussagen wie den folgenden:

 

Noch

(a)

ICH  MÜSSEN  NOCH  KAUFEN++  ||00:41-00:48

‘Ich muss noch einkaufen gehen’.

 

(b)

ICH  MÜSSEN  NOCH  LESEN  ||00:49-00:50

‘Ich muss noch lesen.’

 

In den Beispielen (a) bis (c) weist die Gebärde ‘NOCH’ darauf hin, dass eine Handlung noch am Laufen ist (oder dass ein Vorhaben noch nicht begonnen hat).

 

Für eine ‘noch nicht’ abgeschlossene Handlung wird die Gebärde ‘NOCH’ jedoch weggelassen. Die Aussage ‘noch’ erscheint nur auf dem Mundbild, welches die Gebärde ‘NICHT’ begleitet:

 

Noch nicht

(d) NOCH-NICHT++01:06-01:08

 

Auch für die Aussage ‘noch nie’ gilt, dass ‘noch’ nur auf dem Mundbild erscheint, welches die Gebärde ‘NIE’ begleitet:

 

Noch nie:

(f) NOCH-NIE01:09-01:10

 

‘NOCH-NICHT’ oder ‘NOCH-NIE’ zu gebärden wäre falsch, denn ‘noch’ und ‘nicht’ beziehungsweise ‘noch’ und ‘nie’ stehen inhaltlich in einem Widerspruch zueinander. In folgendem Beispiel wird die Aussage ‘NOCH-NICHT’ in nicht korrekter Weise gebärdet:

 

(a)

nmk:                                     schütteln

BUCH  IXa  ICH  *NOCH  NICHT  LESENa  ||00:04-00:08

‘Ich habe das Buch – noch – nicht – gelesen.’

 

Die Begriffe NOCH und NICHT gemeinsam zu benutzen, macht aus Sicht der DSGS keinen Sinn; die beiden Begriffe stehen in einem logischen Widerspruch zueinander: ‘NOCH’ deutet an, dass allenfalls beabsichtigt wird, das Buch zu lesen, ‹NICHT’ macht diese Aussage gleich wieder rückgängig.

 

(b)

IXa  BUCH  |  ICH  MÜSSEN  NOCH  LESENa  ||00:02-00:06

‘Ich muss das Buch noch lesen.’

 

Dazu ein Beispiel:

(c)

nmk:                                                schütteln 

BUCH  IXa  ICH  NOCH-NICHT++  LESENa  ||00:00-00:04

‘Ich habe das Buch noch nicht gelesen.’

Die Grundform der lexikalisierten Gebärde ‘NIEMAND’ kann reduziert (abgeschwächt) werden, indem sie einhändig ausgeführt wird. Sie kann ebenfalls erweitert (verstärkt) werden. Die Gebärde ‘NIEMAND’ steht nicht alleine, sie ist an eine pronominale Referenz (siehe Kapitel 2) gebunden:

 

(a) NIEMAND  IX-2pl  WOLLEN  2HELFEN1  ||

‘Niemand von euch will mir helfen.’

– 00:27-00:29

‘NIEMAND’ bezieht sich in diesem Beispiel auf die 2. Person Plural. Wer mit ‘NIEMAND’ gemeint ist, wird also nur durch die pronominale Referenz klar.

 

(b) NIEMAND  IX-3pl   3BESUCHEN1  ||

‘Niemand von ihnen besucht mich.’

– 00:30-00:34

In diesem Beispiel (b) bezieht sich ‘NIEMAND’ auf die 3. Person Plural. Auf wen sich ‘NIEMAND’ bezieht, wird auch hier nur durch die pronominale Referenz klar.

 

In einer Interaktionssituation muss ‘NIEMAND’ jedoch nicht zwingend an eine pronominale Referenz gebunden sein, sofern der Bezug vorher bereits hergestellt wurde:

 

(c)

  nmk:                                                          jn?

A: (CD) IX-2   DA  HELFEN PERSON++   IX-2(3) ||

 

  nmk:                  kurz schütteln        

B: IX-3 (CD): 1SAGEN  NIEMAND  ||

A: ‘Hast du Helfer:innen?’

B: ‘Nein, niemand.’ – 00:45-00:48

 

Die Antwort bezieht sich in diesem Beispiel auf die ‘Helfer:innen’, dieser Bezug muss also nicht noch einmal explizit gemacht werden. Es wäre jedoch auch nicht falsch, dies zu tun, wie folgendes Beispiel zeigt:

 

(d)

  nmk:                         schütteln                                       jn?

B: (CD): NIEMAND  IX-1pl  1plHELFEN1    |   KÖNNEN   IX-2  2HELFEN1  ||

B: ‘Nein, niemand von uns kann helfen. Kannst du uns helfen?’

– 00:53-00:57

 

Die Gebärde ‘NIEMAND’ kann also entweder alleine stehen, zusammen mit einer pronominalen Referenz oder sie kann von der Gebärde ‘PERSON’ (im Singular oder Plural) gefolgt werden. Zudem kann ‘NIEMAND’ mit der Verortung der Refererent:innen, auf welche Bezug genommen wird, verschmelzen, indem die Gebärde direkt an der Stelle der Verortung ausgeführt wird. Dazu ein Beispiel:

 

(e) NIEMAND-2pl

– 01:20-01:21

Diese Möglichkeit (e) wird nicht häufig benutzt.

Die Gebärden ‘NULL’ und ‘KEIN’ werden oft auch vom Mundbild ‘nichts’ begleitet:

(a) NULL mit Mundbild ‘nichts’ – 00:19-00:20

(b) KEIN mit Mundbild ‘nichts’ – 00:24

 

Die genaue Bedeutung, welche durch das Hinzufügen des Mundbildes ‘nichts’ entsteht, ergibt sich aus dem Inhalt der gesamten Aussage.

Die lexikalisierte Gebärde ‘KEIN’ sieht in ihrer Grundform (Grundform der manuellen und nichtmanuellen Komponenten) folgendermassen aus:

 

(a) KEIN

– 00:07-00:08

 

Eine Abschwächung dieser Verneinung wird dadurch realisiert, dass die Gebärde einhändig mit oder ohne Mundbild oder zweihändig ohne Mundbild ausgeführt wird:

 

(b) Abschwächung: einhändig mit Mundbild

– 00:12-00:13

 

(c) Abschwächung: einhändig und zweihändig ohne Mundbild

– 00:17-00:18

 

Durch die Modifikation von Grösse und Stärke der Bewegung wird eine Verstärkung der Verneinung zum Ausdruck gebracht:

 

(d) Verstärkung: Bewegung

– 00:19-00:20

 

Eine Differenzierung der Verneinung wird immer an den Modifikationen der manuellen (und nichtmanuellen) Komponenten ersichtlich, also an der Abweichung von der nichtmodifizierten Grundform gemessen.

Ein weiteres Beispiel einer verneinenden lexikalisierten Gebärde ist die Gebärde ‘NULL’. Ihre Grundform sieht folgendermassen aus:

 

(a) NULL

– 00:09-00:15

Diese Gebärde kann mit oder ohne begleitendes Mundbild gebildet werden.

 

Die Grundform wird durch Modifikation der nichtmanuellen Komponenten erweitert (verstärkt) oder reduziert (abgeschwächt):

 

(b) Abschwächung von ‘NULL’

– 00:28-00:29

In diesem Beispiel wird die Gebärde nur einhändig ausgeführt, um die Verneinung abzuschwächen.

 

(c) Abschwächung von ‘NULL’

– 00:33-00:34

In diesem Beispiel wird die Gebärde mit einer leicht zittrigen Bewegung ausgeführt, um die Verneinung abzuschwächen.

 

(d) Verstärkung von ‘NULL’

– 00:44-00:45

In diesem Beispiel wird die Gebärde mit einer anderen Handform gebildet, um die Verneinung zu verstärken.

 

Durch die Modifikation der Bewegung kann die Gebärde ‘NULL’ und damit ihre Bedeutung variiert werden:

– 00:52-00:55

 

Es folgen einige Beispiele dazu, wie die Modifikation von Handform und Bewegung unterschiedliche Nuancen einer Verneinung hervorbringen können. In der gesprochenen Sprache kommen solche Nuancen durch die Modulation der Stimme und/oder durch verstärkende oder abschwächende Worte zum Ausdruck. In der geschriebenen Sprache durch Interpunktion, das Hinzufügen verstärkender oder abschwächender und das Hervorheben einzelner Worte.

(e)

nmk:                                schütteln

LEHRER  IX  NULL(2H: Hf-F)  3SAGEN| ICH  MÜSSEN  AUFRÄUMEN ||00:00-00:08

‚Der Lehrer / die Lehrerin hat mir nicht gesagt, dass ich aufräumen müsse!‘

 

(f)

nmk:                                  leicht schütteln

LEHRER  IX  NULL(2H: Hf-F;zittrig)  3SAGEN| ICH  MÜSSEN  AUFRÄUMEN ||00:09-00:16

‚Der Lehrer / die Lehrerin hat mir nicht gesagt, dass ich aufräumen müsse.‘

 

(g)

nmk:                  leicht-schwach schütteln

LEHRER  IX  NULL(1H: Hf-F:zittrig)  3SAGEN| ICH  MÜSSEN  AUFRÄUMEN ||00:17-00:22

‚Der Lehrer / die Lehrerin hat mir nichts von aufräumen gesagt.‘

 

Die Verneinungen werden von Beispiel (e) bis hin zu Beispiel (g) zunehmend abgeschwächt formuliert.

 

In den folgenden zwei Beispielen (h) und (i) kommt die Verneinung im Vergleich zu Beispiel (e) um einiges vehementer zum Ausdruck:

(h)

nmk:                                            schütteln

LEHRER  IX  NULL(2H: Hf-F-Gross)  3SAGEN| ICH  MÜSSEN  AUFRÄUMEN ||00:23-00:27

‚Der Lehrer / die Lehrerin hat mir gar nichts davon gesagt, dass ich aufräumen müsse!‘

 

(i)

nmk:                              1x-schütteln

LEHRER  IX  NULL(2H: Hf-O-hart)  3SAGEN| ICH  MÜSSEN  AUFRÄUMEN ||Video – 00:28-00:33

‚Der Lehrer / die Lehrerin hat mir überhaupt gar nichts davon gesagt, dass ich aufräumen müsse!

 

Hier die aufgezeigten Verneinungen im Überblick:

Wird die hauptsächlich verwendete verneinende Gebärde, welche mit der Zeigefinger-Handform gebildet wird, nicht von einem Mundbild begleitet, so wird eine Aussage verneint. Ein begleitendes Mundbild differenziert dann die Bedeutung der Verneinung:

 

(a) ‘NIEMALS’ – 00:23-00:24

(b) ‘VERBOTEN’ – 00:31

(c) ‘NEIN’ (betont) – 00:34-00:35

 

Die über das Mundbild zusätzlich vermittelten Informationen – wie in den Beispielen (a) bis (c) – müssen stets beachtet werden.

Die verneinende Gebärde mit der Zeigefinger-Handform wird häufiger benutzt. Wann anstelle der Zeigefinger-Handform, die offene Hand gebildet wird, hängt von unterschiedlichen Faktoren ab. Wird zum Beispiel schnell gebärdet und die vorangehende Gebärde mit der offenen Hand gebildet, so kann diese Handform in der verneinenden Gebärde beibehalten werden; die vorangehende und nachfolgende Gebärde gehen fliessend ineinander über (Assimilation). Nachfolgend werden beide Möglichkeiten aufgeführt (der Inhalt der Aussagen ist derselbe):

 

(a) Verneinung mit Zeigefinger-Handform

 nmk:                                     schütteln

ICH  DÜRFEN  NICHT  1BESUCHEN2 ||00:32-00:35

‚Ich darf dich nicht besuchen.‘ / ‚Ich darf nicht dorthin gehen.‘

 

(b) Verneinung mit offener Hand

  nmk:                                     schütteln

ICH  DÜRFEN  NICHT(Hf-5)   1BESUCHEN2 ||00:42-00:44

‚Ich darf dich nicht besuchen.‘ / ‚Ich darf nicht dorthin gehen.‘

In Beispiel (b) werden die vorangehende Gebärde ‘DÜRFEN’ und die nachfolgende verneinende Gebärde mit derselben Handform gebildet.

 

Wird die verneinende Gebärde mit der offenen Hand  ausgeführt, so kann dies auch bedeuten, dass die Verneinung betont wird, es sich also um eine klare Verneinung handelt (Verstärkung der Verneinung). Oder aber es wird damit zum Ausdruck gebracht, dass die Verneinung mit einer gewissen Vorsicht, mit Respekt gegenüber einer Person vorgebracht wird und noch Verhandlungsspielraum offenlässt.

Die Grundformen der zwei am häufigsten verwendeten verneinenden Gebärden bestehen aus einer synchronen Bewegung von Hand und Kopf: Eine einmalige Bewegung der Hand wird von einmaligem Kopfschütteln, eine wiederholte Bewegung der Hand von mehrmaligem Kopfschütteln begleitet:

– 05:00-00:09

 

Die Verneinung kann differenziert werden (verstärkt oder abgeschwächt) durch die Modifikation der Bewegung von Hand und Kopf (schnell, langsam, hart, weich etc.) und der Ausführungsstelle (unterschiedliche Nähe zum Körper):

 

(a) Modifikation von MK und NMK zur Abschwächung einer Verneinung:

– 01:13-01:20

 

(b) Modifikation von MK und NMK zur Verstärkung einer Verneinung:

– 01:22-01:25

 

Die Grundformen der manuellen und nichtmanuellen Komponenten sind hier also die Bezugsgrösse, an welcher die Verstärkung oder Abschwächung der Verneinung gemessen wird.

In DSGS existieren mehrere verneinende Gebärden. Insbesondere benutzt werden die zwei folgenden lexikalisierten Gebärden ‚NICHT‘. Beide Gebärden haben dieselbe Funktion der Verneinung, werden aber mit unterschiedlichen Handformen (Grundformen) gebildet (Zeigefinger-Handform  oder offene Hand ):

 

(a) NICHT

NICHT++

(b) NICHT(Hf-5)

NICHT(Hf-5)++

– 00:11-00:13

Die Bewegung dieser zwei am häufigsten gebrauchten verneinenden Gebärden kann einmal oder mehrmals erfolgen. Eine einmalige Bewegung wird in der Regel ausgeführt, wenn die Verneinung innerhalb eines Satzes steht. Eine mehrmalige Bewegung steht in der Regel am Satzende, am Satzanfang oder sowohl als auch. Dazu je ein Beispiel:

(c) Verneinung innerhalb eines Satzes:

nmk:                                                 schütteln

GESTERN  ICH  KATZE  NICHT  SEHEN  ICH  ||Video – 00:01-00:04

‚Ich habe die Katze gestern nicht gesehen.‘

(d) Verneinung am Satzende:

nmk:                                                           schütteln

GESTERN   ICH   KATZE  SEHEN  |   ICH   NICHT++  ||00:00-00:04

‚Ich habe die Katze gestern nicht gesehen.‘

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